In Deutschland wird 2006 die Fußballweltmeisterschaft sein, 2012 folgen, falls der Sportgott gut gelaunt ist, die Olympischen Spiele, und 2010 darf das Land die Europäische Kulturhauptstadt stellen. Die Bundesrepublik ist im Präsentationsfieber. Seit Frühsommer 2003 verkündet nahezu jede mittlere und größere Stadt auf Plakaten, Fahnen und Aufklebern, sie wolle sich um den Titel bewerben und das dazugehörige Festival veranstalten. Bis zum 31. März müssen die Bewerbungsmappen bei den Kulturressorts der Länder eingegangen sein. 17 Kandidaten werden wohl ihre Unterlagen abschicken: Augsburg, Bamberg, Braunschweig, Bremen, Dessau/Wittenberg, Essen, Görlitz, Halle, Karlsruhe, Kassel, Köln, der Kreis Lippe, Lübeck, Münster, Osnabrück, Potsdam und Regensburg. Nordrhein-Westfalen und Bayern werden letztlich jeweils nur einen Kandidaten ins Rennen schicken, über den bis Mai entschieden werden soll.

Bis es so weit ist, wird noch viel Geld ausgegeben werden, weniger für die Kultur als für Kultur-PR. Burgen, Schlösser, aber auch große Töchter und Söhne der Städte werden in die Bewerbungsmappen genommen, egal, ob sie ihrer Heimat freundlich oder ablehnend gegenüberstanden. Am liebsten hat man sie tot, dann kosten sie nicht einmal mehr Futtergeld. Gern angepriesen werden auch Restaurierungen und Projekte, die ohnehin bereits laufen und nun einfach als 2010-Aktivität etikettiert werden. Die Frage ist allerdings, ob die Städte neben Traditionen auch Visionen haben – und ob sie sich solche leisten können.

Die Kulturstädte der letzten Jahre haben eine Art Wettrennen gestartet: Graz investierte im vergangenen Jahr 59 Millionen Euro, Lille, seit Anfang des Jahres in Amt und Würden, plant mit rund 75 Millionen Euro. Dazu kommen Ausgaben für Infrastruktur und Projekte wie Neubauten von Museen und Veranstaltungsräumen, die man in das Kulturjahrkonzept integriert. Wie es um die deutschen Kulturkassen in sechs Jahren bestellt sein wird, ist schwer zu kalkulieren, aber jede der Städte wäre auf fremde Hilfe angewiesen.

Allein die Bewerbungen sind teuer. Am meisten investiert Bremen: zwei Millionen Euro. Das kleine Görlitz hat immerhin eine halbe Million Euro zur Verfügung. Bereits diese Budgets werden in den meisten Städten teilweise privat oder aus der Wirtschaft finanziert. Kölns Kulturmanager Franz Xaver Ohnesorg beispielsweise bekommt sein Gehalt von der Sparkassen-Kultur-Stiftung.

Einige Bewerber bauen auf den Mitleidsfaktor; sie haben offenbar den Sinn der Kulturhauptstadtidee missverstanden. Sie dient ja nicht dazu, mit fremdem Geld die Kulturlandschaft aufzumöbeln, die man selbst verwüstet hat. Vor allem im Umgang mit ihren Bühnen und ihrer Architektur stehen manche Möchtegern-Kulturhauptstädte der echten Kapitale Berlin in nichts nach. Irgendeinen kulturellen Frevel hat jede begangen.

Köln ist die größte unter den Bewerberstädten. Sie hat bei ihren Theatern längst kräftig gekürzt, die Tanzkompanie weggespart, und während die schwarz-grüne Ratskoalition über kulturhauptstädtisches Image grübelte, fuhr sie den eigentlich längst zugesicherten Etat der Städtischen Bühnen für 2005 noch einmal um weitere 3,5 Millionen Euro herunter. Am Neumarkt klafft seit längerem das berühmte "Kölner Loch", schon jetzt gebuddelt für ein Kulturzentrum, das dann vielleicht 2010 Realität werden soll. Aber nirgendwo sonst engagiert sich die Bevölkerung so selbstverständlich und siegessicher. Die sozialkulturelle Komponente steht im Konzept ganz oben; das Rheinufer soll durchgängig als öffentlicher Raum entwickelt und ein "Boulevard" kulturellen und sozialen urbanen Lebens werden.

Andererseits ist Köln ein Beispiel dafür, wie nicht nur Finanzierungsfragen, sondern auch Personalquerelen die Bewerbung zum Problem werden lassen. Etablierte Kulturpolitiker werden beim Kulturhauptstadtwettrennen zugunsten frisch an Land gezogener Manager vergessen, und nicht nur im Fall der Kölner Kulturdezernentin Marie Hüllenkremer ist unklar, ob das wirklich im Sinne aller ist. Neben Eventmarketing-Fachleuten und PR-Profis, die wissen, wie man Kultur oder zumindest Images verkauft, haben viele Städte Prominente geholt. Augsburg hat gleich mehrere Musen und Museriche erwählt, darunter Hellmuth Karasek, Franz Xaver Kroetz und Richard von Weizsäcker. Die Fassbinder-Ikone Hanna Schygulla und der Filmbösewicht Claude-Oliver Rudolph streifen in einem Image-Film durch die Stadt und sprechen Lyrik von Bertolt Brecht, der zwar in Augsburg geboren wurde, zu Lebzeiten aber vermutlich keine Aufnahme in so einen illustren Kreis gefunden hätte. Wenn sie den Titel holen, möchte die Stadt mit einem Marktplatz-Theaterprojekt in elisabethanischer Bühnentradition an den Religionsfrieden von 1555 erinnern: Ein Jahr lang sollen sämtliche christlichen, jüdischen und muslimischen Feste mit traditionellen bis avantgardistischen Performances gefeiert werden.

In Nordrhein-Westfalen entscheiden unter anderem der frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin und die Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, mit, ob nun Köln, Münster oder doch das Ruhrgebiet endgültig ins Rennen geht. Vieles spricht für das Ruhrgebiet: Essen und Bochum stehen, gerade was Oper beziehungsweise Schauspiel angeht, gut da und haben relativ gesunde Kulturentwicklungspläne für die kommenden Jahre. Mit dem Ruhrgebiet würde erstmals eine ganze Region, ein Netzwerk Kulturhauptstadt werden. Für das Projekt "Die unsichtbare Stadt" sollen mehrere tausend Kilometer Bergbauschächte und Stollen museal und ästhetisch belebt werden und das oberirdische Städtenetz spiegeln.