Ich versuche gerade, mir das Rauchen abzugewöhnen. Dabei habe ich begriffen: Rauchen befriedigt die Sehnsucht, die das Rauchen erzeugt hat. So entsteht Sinn. Von dieser Sorte Sinn gibt es reichlich auf Erden: Leben als Beschaffungskriminalität. Und damit wären wir auch schon bei Sibylle Bergs Roman Ende gut: "Was macht man damit, mit diesem Wissen, das der Verfall mit sich bringt, diese Einsicht in die Albernheit jeder Bewegung?" So räsoniert die Heldin in ihren lichten Momenten.

Allerdings sollten wir uns diese Heldin nicht als trainierte Metaphysikerin am Philosophenreck vorstellen, sondern eher als Amateurin ihrer Trübsal. Diese in die Jahre gekommene Heldin schwankt zwischen zweierlei Katastrophen hin und her: Einerseits zerfetzt die gefälschte Aufregung der Welt ihr das Nervenkostüm, andererseits findet mangels Masse auch nicht gerade ein pralles Innenleben statt. "Täglich überprüfe ich, ob mir Schwimmhäute wachsen. Das nicht. Dafür ist das Alter eingetreten, es scheint identisch mit dem Alter der Welt, die ihrem Ende entgegenzutaumeln scheint, bevor sie einen Neuanfang wagt als Wüste am Meer, mit Kakerlaken und Ratten, die viel Zeit haben, ehe sie sich Hütchen aufsetzen und unsere Fehler wiederholen."

Oh Weltuntergang, gegrüßet seiest du. "Die Menschen haben auf die Ohrfeige ihres Vaters gewartet, und nun ist er endlich nach Hause gekommen." So ist das in Zeiten, wo man mit Streubomben Menschen befreit. Der Roman spielt in einer undatierten nahen Zukunft, in der die überhitzten Systeme kurz vor dem Kollaps stehen. Terroristen, Superstars, Börsenmakler, Gurus, Schnäppchenjäger und Sexmaniacs arbeiten sich zum Ende vor. Kurz, wir erkennen mühelos unsere Gegenwart, ins agonale Stadium transponiert, um nicht zu sagen: überhöht. Über dieses Getümmel verschaffen uns 48 zierlich plappernde Kapitelüberschriften den erzählerischen Überblick. Pünktlich in der Romanmitte deutet das 24. Kapitel eine Peripetie an: "Ein neuer Morgen in Hamburg. Die Sonne scheint immer noch nicht. Eine Busreise wird unternommen, und ein dicker Junge hat Mist gebaut." Es ist nämlich so: Die hässliche deutsche Stadt (die Autorin schlägt wahl- und beispielsweise Wuppertal, Gießen oder Hannover vor), wo die Heldin die ersten 23 Kapitel gelebt hat, ist explodiert, und es steht alles nicht sehr gut, doch bevor sie – die Heldin – implodiert und den Stöpsel ganz aus der Seele zieht, fasst sie lieber den Entschluss, sich einfach auf den Weg zu machen und an den Rändern der Welt nach Glück zu fahnden. Doch natürlich steckt die Reise voller Gefahren und Tücken. Dem Leser dämmert allmählich: Wir sind mal wieder auf der Odyssee. Diesmal in 48 Erzählclips. Was gar nicht abwertend gemeint ist. Ich bin entzückt von dieser kostbar schrägen Tour.

So stolpert die Heldin durch das Inferno der verröchelnden Welt, in der die alten Sinnsysteme ihr letztes Aufgebot in Form von Attentaten und Seuchen in die Schlacht werfen. Nicht umsonst gilt Sibylle Berg als Kakophonin von Rang. Doch ich möchte dringend die Aufmerksamkeit auf das Phänomen lenken, wie die Autorin es schafft, dem schier stummen Projekt ihrer Heldin in diesem Tumult eine Stimme zu verschaffen, einer Heldin, die – wie wir allmählich begreifen – ja nichts anderes sucht als ein Fleckchen, wo man in aller Ruhe und Freundlichkeit die Vergänglichkeit vergehen lassen kann.

Es ist ja schon öfters darauf hingewiesen worden, dass der Lärm und der blutige Ernst der zivilisatorischen Realitätsbezwingung schwer mit den Bedingungen grundlosen Menschseins zu vereinbaren sind, doch von diesem Missverhältnis ist schon lange nicht mehr so gewitzt böse und hintergründig zauberhaft erzählt worden wie von Sibylle Berg.