Sie heißen Ali, Ugur und Hasan. Sie sitzen, das Hemd bis obenhin zugeknöpft der eine, im karierten Pulli der andere, die blau-weiße Strickmütze auf dem kahlen Schädel der dritte, im Café Marmara unweit des Heinrich-Heine-Platzes im Berliner Bezirk Kreuzberg. Hierher kommen sie jeden Morgen, schlürfen aus kleinen Gläsern süßen Tee, lesen ihre türkische Zeitung oder spielen Okey, eine Art von Scrabble mit Zahlensteinen. Ali, Ugur und Hasan sind Rentner, in Deutschland über die Jahrzehnte ergraut. Das Marmara ist für sie geworden, was einst das Café im heimischen Dorf gewesen war: Treffpunkt, Aufenthaltsraum, Lebensmittelpunkt.

Im Sommer 1961 stand Ali im deutschen Anwerbebüro in Istanbul, die beiden anderen ein paar Jahre später. Splitternackt standen sie da, auch noch vor einer blonden deutschen Krankenschwester. Der deutsche Arzt leuchtete ihnen mit der Taschenlampe ins Gebiss und kniff sie ins Gesäß, wie man auf dem Viehmarkt Gäulen ins Maul schaut und auf die Kruppe haut. Sie hatten schon einiges überstanden: den endlosen Papierkrieg und die fachliche Prüfung in einem Betrieb. Nun diese tief erniedrigende Gesundheitsuntersuchung, "aus seuchenhygienischen Gründen". Am liebsten hätten sie wieder kehrtgemacht. Indes scheuten sie die Schande, das Gelächter, die Schadenfreude der Nachbarn, dass sie nach all ihrem Hoffen, all ihrem Prahlen auch, sie würden in Deutschland ihr Glück machen, doch zu Hause blieben – nein, das wollten sie nicht auf sich nehmen.

Also unterschrieben sie den Arbeitsvertrag. Die "Legitimationskarte" mit dem Bundesadler war es ihnen wert. Ein Jahr, zwei Jahre lang würden sie sowieso nur in der Fremde bleiben. Wenn sie hart arbeiteten und genügsam lebten, würden sie mit einem gebrauchten Mercedes zurückkehren können – und mit genug Erspartem, um ein kleines Häuschen zu bauen, einen Taxibetrieb aufzumachen, ein Geschäft zu eröffnen oder ein Stück Land mit Olivenbäumen zu kaufen, vielleicht ein paar Ziegen und Schafe dazu. Sie träumten den Traum vom großen Alemanya, von dem sie so viel erhofften und so wenig wussten.

Seitdem sind Jahrzehnte vergangen. Sie sind nicht heimgekehrt. Und dann kamen die Kinder, später die Enkel. Aus der Einzimmerwohnung ging es in die Dreizimmerwohnung. Die Jobs wurden besser; in der Türkei gab es immer wieder Militärputsche, Wirtschaftskrisen, Inflationsschübe. Manch einer ging trotzdem zurück. Die Mehrzahl schlug Wurzeln in Deutschland, wie die vielen Arbeiter aus den anderen Ländern auch. Im Laufe der Zeit wurden sie immer mehr. Heute ist fast jeder zehnte Einwohner der Bundesrepublik ein Ausländer. Die Hälfte ist schon 20 Jahre hier. "Heimkehren in die Türkei?" Im Café Marmara macht Ali eine wegwerfende Handbewegung. "Ich habe dort nichts", sagt er. "Meine vier Töchter leben hier, sind Deutsche geworden." Er hat sein Auskommen: 450 Euro Rente pro Monat, plus Wohngeld. Für ihn und seine Frau reicht es.

Zu Hause war er Bauer gewesen. Eine Großstadt hatte er nie gesehen. In Düsseldorf hat er als Bauarbeiter angefangen, dann ging er in eine Neußer Betonfabrik, schließlich kam er als Putzkraft in Aachen unter. Im Jahre 1980 hörte er von der Berlin-Zulage, mit der die geteilte und nach Osten zugemauerte Stadt Arbeitskräfte anzulocken suchte. Einige Arbeitskollegen zogen mit ihm. Seitdem lebt er in Kreuzberg. Über den Kulturschock des Anfangs ist er längst hinweg, genauso wie Hasan und Ugur.

Sie erinnern sich: Die Reise begann im Bahnhof Istanbul-Sirkeci. Die Fahrt nach München dauerte 55, manchmal 70 Stunden. Ein Verpflegungspaket gab es und eine Flasche Wasser. Ausstrecken konnte sich niemand, nicht einmal den Kopf konnte man anlehnen, denn die Bundesbahn setzte jahrelang Nahverkehrswaggons mit niedrigen Rückenlehnen ein. Im Winter fiel oft die Heizung aus.

Auf die Ankömmlinge warteten düstere Ausländerlager, Werksbaracken, in denen zum Teil schon Hitlers Zwangsarbeiter untergebracht waren, Abbruchwohnungen und Wohnheime. Dort fanden sie oft nicht mehr als einen Bettplatz; sechs Quadratmeter pro Person entsprachen der amtlichen Mindestanforderung.

Sie waren Müllmänner (wie die deutschen Gassenkehrer, die hundert Jahre zuvor Paris sauber gehalten hatten). Sie verdingten sich als Bergleute, Schweißer, Löter, Gleisbauarbeiter und nahmen den Deutschen die unfallträchtigen und gesundheitsschädlichen Jobs ab, auch die am schlechtesten bezahlten (wie 70 Jahre früher die halbe Million Polen im Ruhrgebiet). Im Gaststättengewerbe, in der Produktion von Kunststoff, Gummi, Asbest und auf dem Bau stellten sie rund ein Fünftel der Beschäftigten. Und sie bauten die Mercedes, BMW, Opel und Ford (90 Prozent der Arbeiter in den Kölner Ford-Werken waren Ausländer).

Die Kontraktarbeiter aus der Türkei priesen sich glücklich und fanden sich mit allen Widrigkeiten ab. Sie lebten sparsam. Doch sie nahmen es hin, auch die schmerzhafte Trennung von der Familie, denn sie dachten nicht, dass sie lange bleiben würden. Die deutsche Seite teilte diese Illusion. Nichts belegt dies besser als der Ausdruck "Gastarbeiter". Von Anfang an wiesen die Bonner Behörden den Gedanken an eine regelrechte Einwanderung weit von sich. Die Bundesrepublik war für sie höchstens ein "vorübergehendes Aufenthaltsland". Eine Arbeitserlaubnis gab es für maximal zwei Jahre. Es galt das Rotationsprinzip: Nach spätestens 24 Monaten sollten die Arbeitsmigranten ausgetauscht werden.

Noch im Jahre 1960 hielten sich keine 1500 türkischen Staatsangehörigen in der Bundesrepublik auf, meist Studenten und Kaufleute. Die große Gastarbeiterwanderung aus Anatolien setzte erst nach dem Bau der Berliner Mauer ein. Nicht von ungefähr wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen am 30. Oktober 1961 unterzeichnet, zehn Wochen nachdem Walter Ulbricht die letzte Lücke im Eisernen Vorhang geschlossen und den Zustrom von Ostdeutschen gestoppt hatte. Jetzt blieb mit einem Mal der Nachschub an Arbeitskräften aus. Die Wirtschaftswunder-Maschine brauchte neues Bedienungspersonal. Die Deutschen fanden es zwischen Edirne und Erzerum.

Die ersten 2500 türkischen Arbeiter kamen im November 1961. Sie waren die Vorhut eines Millionenheeres, das während der nächsten zwei Jahrzehnte nach Deutschland zog. In ihren Wohnbaracken stießen sie auf jene, die schon vor ihnen gekommen waren: Italiener (seit 1955), Spanier und Griechen (seit 1960). Bald kamen auch noch andere, denn in den sechziger Jahren schloss die arbeitskräftehungrige Bundesrepublik Anwerbeverträge auch mit Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Mit großem Brimborium wurde am 10. September 1964 der einmillionste Gastarbeiter am Bahnhof Köln-Deutz empfangen, Armando Rodrigues aus Viseo in Portugal. Fünf Jahre später, am 27. November 1969, empfing die Münchner Weiterleitungsstelle den millionsten Türken, einen 24-jährigen ungelernten Arbeiter. Der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit stand am Gleis 11 persönlich auf dem Bahnsteig. Er schenkte dem jungen Mann einen Fernseher und schärfte ihm ein: "Die Deutschen sind hilfsbereit und verständnisvoll. Besonders dann, wenn der Ausländer ein fleißiger Mensch ist."

Sie blieben – trotz Rostock und Solingen

Im Café Marmara wird die rauchgeschwängerte Luft allmählich dick. Ali erzählt. Er hat alles durchgemacht, was die Türken hierzulande in den zurückliegenden Jahrzehnten erfahren haben, alles auch, was ihnen widerfahren ist.

Wie Hasan und Ugur hat er erlebt, dass in der ersten Ölkrise 1973/74 den Gastarbeitern urplötzlich die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde: Anwerbestopp! Zu dieser Zeit lebten 3,96 Millionen Ausländer in Deutschland, 6,4 Prozent der Wohnbevölkerung. Ihr Anteil an der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten betrug allerdings 12 Prozent: Sie besetzten 2,6 Millionen Arbeitsplätze. Die nahmen sie niemandem weg, denn bis dahin herrschten Vollbeschäftigung und Arbeitskräftemangel. Dies änderte sich nun. Auf einen Schlag gab es jetzt keinen weiteren Zuzug aus Nicht-EG-Staaten mehr. Tatsächlich sank die Zahl der Beschäftigten mit fremdem Pass bis 1978 auf 1,8 Millionen, bis Mitte der Achtziger sogar auf 1,5 Millionen. Der Höchststand von 1973 wurde nie wieder erreicht. Heute nehmen Ausländer 1,96 Millionen Arbeitsplätze ein.

Ali hat davon profitiert, dass 1974 das Verbot des Familienzuzugs fiel. Da entdeckten die Deutschen plötzlich, dass sie zwar Arbeitskräfte gerufen hatten, aber gekommen waren Menschen, und sie gingen auf das Urbedürfnis aller Menschen ein: mit ihrer Familie zusammen zu sein. So erklärt sich, dass zwar die Zahl ausländischer Arbeiter abnahm, dass jedoch die ausländische Bevölkerung wuchs: von 3,9 Millionen 1973 auf 5,3 Millionen im Jahr der deutschen Wiedervereinigung und auf über 7,3 Millionen Anfang 2003, 8,9 Prozent der Bevölkerung. Außerdem, so schätzen die Behörden, halten sich etwa 800000 Ausländer illegal im Lande auf.

Ali hat der Versuchung widerstanden, eine Heimkehrerprämie von 10000 Mark einzustreichen, als sich die Bundesregierung Anfang der Achtziger auf "Rückkehrförderung" verlegte. Er hat zehn Jahre später die schlimme Phase der Ausländerfeindlichkeit durchgestanden, als in Mölln und Solingen und Rostock und Hoyerswerda Wohnungen in Flammen aufgingen, Menschen verbrannten.

"Nichts ist schöner als ein Döner"

Die Türken sind die größte Einwanderergruppe, und daher lässt sich an ihnen gut erzählen, was es bedeutet, fremd zu sein in Deutschland. Da sie in vielen Städten ihre eigenen Quartiere besiedelt haben, vielleicht auch, weil sie als Muslime besonders fremdartig wirken, gelten sie den meisten Deutschen als "die" Ausländer schlechthin. Die Übrigen, die Italiener, Griechen, Exjugoslawen oder Polen, werden im Vergleich zu ihnen kaum wahrgenommen, jedenfalls nicht als einheitliche Gruppen.

Seit den frühen Jahren hat sich in der Zusammensetzung der ausländischen Bevölkerung ein Wandel vollzogen. In den Sechzigern stellten die Italiener mit knapp 30 Prozent den größten Anteil, dicht gefolgt von Griechen und Spaniern. Doch schon 1974 hatten sich die Türken mit 25 Prozent an die Spitze gearbeitet, der Anteil der Jugoslawen war auf 17 Prozent angewachsen, der italienische auf 15 Prozent gesunken. Seitdem liegen die Türken unverändert an erster Stelle. Anfang 2003 machten sie mit 1,91 Millionen 26 Prozent der Ausländer aus. Rechnet man die 600000 Eingebürgerten hinzu, so leben heute rund 2,5 Millionen Menschen türkischer Herkunft in der Bundesrepublik.

Die Fremden haben Deutschland verändert. Das Land ist bunter geworden. Die Restaurant-Szene blühte auf, die Italiener, Griechen, Spanier, Portugiesen, Afghanen und Inder brachten ihre Küche mit. Auch die Türken, die heute mehr Döner verkaufen, als alle Burger-Buden zusammen Fleischklopse unters Volk bringen: "Nichts ist schöner als ein Döner." Die farbenfrohen Auslagen ihrer Obst- und Gemüseläden beleben das Straßenbild. Pluraler ist Deutschland geworden, und – allen ausländerfeindlichen Ausschreitungen zum Trotz – auch duldsamer.

Die kopftuchtragenden Frauen im Kreuzberger Klein-Istanbul, in Hamburg am Steindamm, im Frankfurter Bahnhofsviertel, in Stuttgart zwischen Doggenburg und Rosensteinstraße regen die Leute weniger auf, als konservative Politiker uns weismachen wollen.

Es hat sich herumgesprochen, dass nicht jede, die sich mit einem turban verhüllt, dem islamischen Fundamentalismus verfallen ist. Bei vielen ist das Kopftuch ein Ausdruck schlichter Frömmigkeit, bei anderen ein Stück Tradition (wie sie ja auch in Deutschland auf dem Lande vor hundert Jahren noch lebendig war) und gerade unter den Jungen oft einfach ein schickes modisches Accessoire (wie vor über zwanzig Jahren bei Hamburgs höheren Töchtern).

Längst hat jeder Deutsche gute ausländische Bekannte. Die Polin, die zweimal die Woche zum Putzen kommt; manchmal hat sie ihre beiden Kinder dabei, mit denen sie Deutsch spricht. Die afghanische Journalistin, die sich über Russland nach Deutschland durchschlug und, sobald sie genug Deutsch konnte, eine Pizza-Bäckerei eröffnete. Die Halbitalienerin, die mit ihrem deutschen Mann eine Reinigung betreibt. Den Kroaten, der im Italia mit scharfem Blick die Kellner aus Sizilien, Saloniki und Santander überwacht. Den griechischen Änderungsschneider neben dem chinesischen Restaurant. Die Schwarzen aus Ghana, die in den Restaurant-Küchen Kartoffeln schälen und Geschirr spülen. Die persische Ärztin Fereshde, die mit einer Rückenschule und Akupunktur-Behandlung in Hamburg ebenso viel Zulauf hat wie der türkische Orthopäde Faruk in Berlin, der auch die Fußballer von Galatasaray Istanbul in Form bringt. Was wären wir ohne sie alle?

Je länger sie hier sind, desto höher steigen sie. Ihr Anteil an qualifizierten Berufen wie Architekt, Anwalt oder Steuerberater wächst. Nach und nach rücken die Neubürger in leitende Positionen. Auf der politischen Bühne sind Cem Özdemir (Grüne), Leyla Onur (SPD) und Mehmet Daimagüler (FDP) ins Rampenlicht getreten. Vural Öger hat sich aus einem Kellerbüro im Hamburger Bezirk St. Georg zum fünftgrößten Reiseunternehmer der Republik hochgearbeitet und zieht jetzt für die Sozialdemokraten in den Wahlkampf für das Europaparlament. Aydan Özoguz sitzt seit 2001 als SPD-Abgeordnete in der Hamburger Bürgerschaft, Özcan Mutlu (Grüne), seit 1999 im Berliner Abgeordnetenhaus. Bilkay Öney, die seit 17 Jahren Deutsche ist, wurde von den Grünen als Wahlfrau für die Bundesversammlung nominiert.

Auch in der Wirtschaft haben viele reüssiert. Heute gibt es allein unter den Türken rund 60000 Selbstständige, die 330 000 Mitarbeiter beschäftigen, darunter fast ein Drittel Deutsche. Alles ist dabei, vom Imbiss-Inhaber Erol Güner bis zum Aachener Umsatzmilliardär Kemal Sahin, dem anatolischen Bauernsohn, der mit 18 nach Deutschland kam und inzwischen ein ansehnliches Textil-Imperium aufgebaut hat, 28 Unternehmen in 13 Ländern. Im Einzelhandel und der Gastronomie, auf dem Bausektor, mit Brot- und Fleischfabriken, in der Immobilienbranche haben sie ihr Glück gemacht.

Türkische Autoren schreiben Deutsch

Im Jahre 2003 erwirtschafteten türkische Geschäftsleute und Unternehmer hierzulande 1,4 Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes, annähernd 30 Milliarden Euro. Mit 5500 Betrieben und 23000 Beschäftigten steuern sie allein in Berlin 3,5 Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt bei. Im Übrigen sind die Zugewanderten keine Systemschmarotzer. Auch die Türken zahlen kräftig in unsere sozialen Sicherungssysteme ein: 1999 rund drei Milliarden Euro; heute wohl einiges mehr, da neuerdings auch für geringfügige Beschäftigungsverhältnisse Sozialabgaben anfallen.

Und nicht bloß die wirtschaftliche Integration schreitet voran. Zwanzigtausend junge Ausländer studieren als "Bildungsinländer" an unseren Hochschulen. Mehr und mehr ausländische Namen tauchen in den Vorspännen und Abspännen von Fernsehfilmen auf. Der griechischen Welle – Vicky Leandros, Costa Cordalis – folgte die türkische. Schauspieler wie Renan Demirkan, Sinan Toprak, Sevgi Emine Özdamar, Jale Arikan haben sich in die Herzen der Deutschen gespielt.

Der Regisseur Fatih Akin ist eben für seinen Film Gegen die Wand mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden; zum ersten Mal seit 18 Jahren ging der Hauptpreis der Berlinale 2004 wieder nach – Deutschland. Mehr und mehr Schriftsteller türkischer Abstammung schreiben auch auf Deutsch. Manche nur noch, wie Feridun Zaimoglu (Kanak Sprak), der sich von Kiel aus einen Platz in der deutschen Gegenwartsliteratur erschrieben hat.

Gegen Mittag packen sie im Café Marmara die Okey-Steine und die Spielkarten weg. Einige schlendern ein paar Straßen weiter ins traditionelle Demirel’ in Yeri der Familie Cekme, wo es für sechs Euro ein köstliches komplettes Menü gibt. Andere gehen auf einen Kaffee in Murats hippes Morgenland gleich gegenüber. Mitten in Klein-Istanbul wird deutlich: Die Fremden haben Deutschland verändert, doch hat die Fremde auch die Zugereisten verändert. Sie sind sesshaft geworden. Einwanderer. Deswegen ist auch der Ausdruck "Migranten" meist falsch. Drei Viertel werden weder weiterziehen noch heimkehren. Aus angelernten Arbeitern wurden Vorarbeiter, aus Türken in Deutschland erst Deutschtürken, dann Türkendeutsche. Die Anpassung, die Akkulturation, die Integration sind in vollem Gange.

Nicht dass sie einfach wäre. Einwanderungsgesellschaften sind allemal Konfliktgesellschaften. Die Einschmelzung der Zuwanderer ist immer eine Sache von Generationen. Nie geht es ohne Friktionen ab. Und stets verlangt die Einwurzelung der neuen Mitbürger den Alteingesessenen viel Toleranz und Geduld ab.

Die Probleme sind nicht zu leugnen. Die Sprache, die Grundvoraussetzung erfolgreicher Integration – damit hapert es bei vielen, vor allem bei den älteren Frauen, deren Leben sich im Wesentlichen im Umkreis der eigenen Sippe abspielt. Die Schule: Ausländische Kinder haben es milieubedingt und aus sprachlichen Gründen schwerer. Rund 15 Prozent erreichen überhaupt keinen Schulabschluss (Deutsche: 5,7 Prozent), 40 Prozent schaffen nur den Hauptschulabschluss (Deutsche: 20,9 Prozent), über die Hälfte hat keinen mittleren oder hohen Abschluss (Deutsche: ein Viertel).

Die Berufsausbildung: 1998 haben 64 Prozent der deutschen Jugendlichen eine Lehre begonnen, doch nur 34 Prozent der gleichaltrigen Ausländer – und seitdem ist deren Beteiligungsquote noch gesunken. Im öffentlichen Dienst ist die Quote besonders niedrig. Die Kriminalität: Der Anteil der Ausländer an der Gesamtzahl der Tatverdächtigen lag 2001 bei 24,9 Prozent; ihr Anteil an der Wohnbevölkerung jedoch nur bei 9 Prozent.

Dazu kommen die Akzeptanzprobleme, die sich aus dem Unterschied der Lebensstile und der Religionsgewohnheiten der Muslime ergeben. Der ewige Kopftuchstreit oder die Auseinandersetzungen um den Bau von Moscheen und die Lautstärke der Muezzin-Gebetsrufe über Lautsprecher sind nur zwei Beispiele. Das Schächten, die muslimischen Begräbnisvorschriften, die Teilnahme der Mädchen am Sportunterricht und an Schulausflügen – all das macht Ärger.

Immer wieder gibt die patriarchalische Einengung ihres Bewegungsraumes, die sich viele muslimische Frauen gefallen lassen müssen, Anlass zu Besorgnis und Empörung. Auch die Mediengewohnheiten sind nicht unbedingt integrationsfördernd; die Redakteure der türkischen Zeitungen, des Deutschen selten kundig, vermitteln oft ein gehässig-unrealistisches Bild der Bundesrepublik. Doch darf man auch die positiven Seiten der Entwicklung nicht übersehen.

Zur Sprache: Über die Hälfte aller ausländischen Kinder zwischen fünf und elf Jahren sprechen mit ihren Freunden Deutsch, 56 Prozent sogar mit ihren Geschwistern; Zweisprachigkeit wird in der zweiten und dritten Generation die Regel. Die Deutschkurse sind überlaufen, vor allem von Frauen. Zur Schule: Es steigen die Zahlen der ausländischen Kinder, die einen Kindergarten besuchen, die einen Realschulabschluss haben (33 Prozent; Deutsche 43 Prozent) oder ihr Abitur machen (12 Prozent; Deutsche 29 Prozent). Die Migrantenkinder hinken noch hinterher, doch sie holen auf. Dies gilt nicht im selben Maße für die Berufsausbildung; daran ist die lähmende Konjunktur der letzten Jahre schuld.

Zur Kriminalität: Abgesehen davon, dass die Polizeistatistik Touristen, alliierte Soldaten und spargelstechende Saisonarbeiter mit den Inlands-Ausländern in einen Topf wirft, kommt eine Bewertung, die auch sozialstrukturelle Faktoren – Wohnumfeld, Arbeitslosigkeit, niedrige Einkommen – einbezieht, zu einem differenzierteren Urteil. Lässt man die Verstöße gegen die Ausländergesetzgebung außer Acht, sind danach "Migranten aus den ehemaligen Anwerbeländern in ihrem strafbaren Verhalten kaum verschieden von Deutschen"; so steht es im letzten Bericht der Ausländerbeauftragten der Bundesregierung.

Bei den jungen Männern der zweiten und dritten Generation zeigt sich allerdings eine erhebliche Tendenz zur Gewaltanwendung, wofür ein deutsch-türkischer Sozialarbeiter in Kreuzberg die Erklärung parat hat: "Sie sehen keine Chancen für sich. Auf den Hinterhöfen praktizieren sie das darwinistische Prinzip survival of the fittest. Nur der Stärkste setzt sich durch, und das ist der, der am schnellsten mit dem Messer zusticht."

Und die religiösen Unterschiede? Neben 900000 Orthodoxen, 160000 Buddhisten und 100000 Hinduisten leben drei Millionen Muslime bei uns. Ihre Moscheen und Bethäuser sind keineswegs schlankweg ein Ausdruck von gefährlichem islamischen Fundamentalismus.

Wohl gibt es Vereinigungen, die fundamentalistische Ideen vertreten, doch bilden sie nur eine kleine Minderheit. Der Verfassungsschutz behält die 27000 Mitglieder der islamistischen Vereinigung Milli Görüs scharf im Auge. Höchstens 12bis 15 Prozent sind überhaupt Mitglied in religiösen Vereinen, und nur 10 Prozent der muslimischen Eltern schicken ihre Kinder in die Koranschule; beides eher aus Frömmigkeit als aus extremistischer Einstellung.

Die Lebensstile schließlich, die Mediengewohnheiten, der Integrationswille, die Bereitschaft zur Einbürgerung? Über die Hälfte der Türkischstämmigen leben nicht mehr in reinen Türkenvierteln. Mehr türkische Jugendliche schließen sich deutschen Vereinen als türkischen an. In Gewerkschaften und Sportvereinen ist das Miteinander zur Regel geworden. Es wird hin und her geheiratet: Rund 60000 binationale Ehen werden jährlich in Deutschland geschlossen. Von den "Heiratsmigranten" aus der Türkei, 17000 im Jahre 2000, zogen 4900 zu deutschen Ehepartnern in die Bundesrepublik; auch dies eine Form der Integration. Und gerade die Türken nutzen intensiv die deutschen Medien: 88 Prozent sehen und hören – neben ihrem guten Dutzend Programmen – deutsche Sender; viele lesen auch deutsche Zeitungen.

"Blankenese hat etwas vom Bosporus"

Für das Schächten, den Schwimmunterricht, die Begräbnisrituale werden – oft auf kommunaler Ebene – pragmatische Lösungen gefunden. Auch die Befürchtung, die "größere Gebärfreude" der Ausländerinnen werde am Ende zu einer Ethnomorphose führen, einer "Umvolkung", wird von der Statistik widerlegt. Das Reproduktionsverhalten der Zuwanderer gleicht sich immer mehr dem der Deutschen an. Lag ihr Anteil der Lebendgeborenen in Deutschland 1974 – dem ersten Jahr der Familienzusammenführung – bei 17,3 Prozent und noch Mitte der neunziger Jahre bei 13 Prozent, so ist er mittlerweile auf 6 Prozent gesunken. All dies vollzieht sich, obwohl die Bundesrepublik lange Jahre nur eine höchst unzulängliche Integrationspolitik betrieb. Anwerbung beherrschte die sechziger Jahre, Abwehr und Abkehr die Siebziger, Achtziger und Neunziger. Noch heute, wo das Zuwanderungsgesetz schon zwei Jahre lang auf Eis liegt, geht es mehr um die Gestaltung – im Klartext: Begrenzung – der Immigration als um die Verstärkung der Integration. Und die Gelehrten streiten: Einen "Rückzug in die Ethnie" erkennt der Bielefelder Professor Wilhelm Heitmeyer, wohingegen Professor Hans-Jürgen Weiß von der FU Berlin zu dem Schluss gelangt ist, dass der größte Teil der Zuzügler, auch der Türken, in zwei Kulturen heimisch werde: je jünger, desto deutscher.

Im Café Marmara halten sie alle, die Okey-Spieler und die Zeitungsleser, einen Augenblick inne. Aus dem Lautsprecher ertönt samten die Sopranstimme von Ayten Alpman. Sie singt Memleketin – "Meine Heimat". Als das Lied verklungen ist, steigt der Geräuschpegel wieder an.

Die Frage drängt sich auf: Was ist eigentlich die Heimat von Hasan, Ali und Ugur? Das heimische Dorf in den Bergen hinter Trabzon, der Weiler in Kilikien, das verschlafene Städtchen im kurdischen Südosten – sie erinnern sich kaum noch daran. Auf Besuch fahren sie gern in die Türkei, "das Wetter ist dort besser". Aber wo gehören sie wirklich hin? Es gibt darauf keine einhellige Antwort.

"Die bleiben immer Türken", sagt der Sozialarbeiter Erol und blickt dabei auf die Männer an den Nachbartischen. "Die haben 16 türkische Fernsehprogramme. Die leben nur körperlich hier."

"Ich fühle mich weder als Ausländer noch als Fremder", sagt Hasan. "Und die Jungen bleiben, weil sie mit der Mentalität in der Türkei nicht klarkommen. Die zweite Generation lebt im kulturellen Spagat. Viele sind psychisch krank, oft traumatisiert. Sie fielen in die Leere, weil die Eltern nur arbeiteten. Die dritte Generation jedoch wird über die Leiter der Bildung ihren sozialen Aufstieg schaffen."

"Ich wette, sie werden alle Deutsche", sagt Bilkay, die türkische Journalistin. "Die Kinder fühlen alle deutsch. Sie bleiben hier."

Nur ein knappes Drittel der Türkischstämmigen will nach neueren Umfragen in Nordrhein-Westfalen zurück, ein Zehntel ist unentschlossen, 61 Prozent wollen auf jeden Fall bleiben. Sie empfinden wie Hadiye Akin, die Mutter des Erfolgsregisseurs, die unlängst zu Protokoll gab: "Meine Kinder leben hier, die möchte ich jede Woche sehen. Und ich liebe die Freunde und Kollegen. Jetzt in die Türkei zu gehen wäre so wie damals, als ich nach Deutschland kam: Ich wäre ein bisschen fremd." Versonnen setzte sie hinzu: "Wenn ich sechs Wochen in der Türkei war, bekomme ich Heimweh nach Hamburg. Blankenese hat auch etwas vom Bosporus."

Sie sind gekommen und geblieben. Sie werden auch weiterhin bleiben. Hohe Zeit, dass die Alteingesessenen, die Deutschen, es begreifen.

* Im August erscheint die Serie "Leben in Deutschland" im Kiepenheuer & Witsch Verlag auch als Buch. Herausgeber ist Theo Sommer.