Nichts ist schwerer, als sich von seinem Lieblingshemd zu trennen. Dabei geht es nicht um die Frage, ob man das Hemd noch in der Öffentlichkeit tragen sollte, das haben Sie jahre-, vielleicht jahrzehntelang getan, entsprechend sieht es aus, und wenn Sie es weiter trügen, bestünde die Gefahr, dass man Ihnen den Zutritt zu Ihrem Büro verweigert oder sich Ihre Frau von Ihnen trennt. Aber das gute Stück wegzuwerfen wie eine leere Konservendose, das hat kein Hemd verdient – wozu ist es mit Ihnen durch dick und dünn gegangen? Nein, ein angemessener Abschied sieht anders aus.

Widmen Sie sich ihm noch ein letztes Mal ganz. Tragen Sie es, so oft Sie können, am besten daheim und alleine (gegebenenfalls im Badezimmer oder im Keller). Wer ein besonders inniges Verhältnis zu seinem Hemd pflegt, weil er es schon vor zwanzig Jahren in der Disko getragen und bei der Gelegenheit seine erste große Liebe kennen gelernt hat, sollte sich nicht scheuen, den Wecker auf drei Uhr morgens zu stellen, um ein paar ungestörte Stunden nur mit ihm vor dem Spiegel zu verbringen. Nach einiger Zeit, Sie werden es merken, fällt es Ihnen trotzdem immer leichter, das Hemd wieder auszuziehen.

Deponieren Sie es nun auf einem Kleiderbügel, den Sie außen an den Schrank hängen oder so nach innen, dass Ihr Blick beim Öffnen der Schranktür automatisch auf ihn fällt. Betrachten Sie Ihr Hemd bei jeder Gelegenheit; streichen Sie über den verschlissenen Stoff, und hängen Sie Ihren Erinnerungen nach. Ihre Frau wird Verständnis haben, sofern Sie nicht darauf bestehen, eine Kerze zu entzünden oder das Hemd wieder zu tragen (schämen Sie sich Ihrer Tränen nicht).

Machen Sie sich nach ein paar Wochen ganz behutsam klar, dass Sie auch in einem anderen Hemd schöne Dinge erleben können und dass Sie in einem Textil, das weniger ausgebleicht ist und bei dem der oberste Knopf noch zugeht, bei Ihrem Chef oder bei Ihren Erbtanten deutlich besser akzeptiert sein werden. Sprechen Sie das ein paar Mal laut vor sich hin (Wenn das zu schwer fällt: Schreiben Sie es auf einen Zettel. Geht das auch nicht, bedenken Sie: Es ist doch nur ein Hemd!).

Nach etwa drei Monaten, wenn Sie schon auffallend seltener mit Ihrem Hemd sprechen, sollten Sie sich zum ersten Mal der entscheidenden Frage nähern: Wollen Sie den knappen Platz in Ihrem Schrank wirklich an ein Kleidungsstück verschwenden, das Sie in den letzten drei Monaten nicht getragen haben und vermutlich auch in den nächsten drei Monaten nicht tragen können – außer Sie werden Steinmetz oder müssen die Küche streichen? (Andererseits: Würden Sie Ihrem treuen Hemd das wirklich antun?) Wissen Sie keine eindeutige Antwort, warten Sie drei weitere Monate, oder reden Sie mit Ihrer Frau.

Haben Sie dann das Gefühl, dass die Zeit reif ist, handeln Sie schnell (Ihr Hemd würde dasselbe für Sie tun) und suchen Sie ihm einen neuen Platz. Gibt es in der Verwandtschaft Menschen, denen Sie das Hemd anbieten können (mit der Auflage, sie zu Kontrollzwecken unangekündigt besuchen zu dürfen)? Kann ein Secondhandladen oder die Caritas Ihr Hemd in gute Hände weitervermitteln (vorausgesetzt, man nennt Ihnen die Adresse des Empfängers)? Können Sie das Hemd zum Freundschaftspreis an einen gut beleumundeten Nachbarn verkaufen? Nein?

Hängen Sie es wieder in den Schrank. Nichts ist schwerer, als sich von seinem Lieblingshemd zu trennen.