Märchen sind grausam. Kindsmord, Kannibalismus, blutige Rache sind keine Erfindung schocklüsterner Gegenwart, sondern ururalte Erzählung. Oft sind sie von einer Drastik, neben der sich das Märchenblatt unserer Zeit, die Bild-Zeitung, wie ein Kirchenblatt ausnimmt. Im Märchen vom Machandelboom (Wacholderbaum) - ursprünglich im plattdeutschen Dialekt von den Gebrüdern Grimm gesammelt - tötet eine Frau ihres Mannes Knaben aus voriger Ehe, kocht ihn und setzt ihn dem nichts ahnenden Vater als Mahlzeit vor. Die Stiefschwester vergräbt die abgenagten Knöchelchen unter einem Wacholderbaum, aus dem dann der Bruder, zum Vogel verwandelt, entfliegt. Durch seinen schönen Gesang bezirzt er einen Müller und erwirbt dessen Mühlstein. Den lässt er auf die Stiefmutter fallen, die darunter "ganz zermatscht". Ein Kreislauf der Gewalt.

Jedes erneute Erzählen eines alten Stoffes verlangt nach Aktualisierung. Rolf Riehm entschied sich 1982 bei seinem Hörstück Machandelboom (Cybele sacd960.501/Vertrieb: Codaex) für Diskontinuität. Nicht weniger als 27 Sprecher (die Stimme des Komponisten ist auf Track 5 zu hören), dazu Kinder- und Frauenchor machen sich in vielerlei Sprecharten über den Text her, sprechen, singen, schreien ihn, deklamieren ihn in Platt und im gehobenen Ton. Es sind die Verfremdungsformen, die aufhorchen lassen, der (scheinbar) unpassende Ausdruck. Der Knabe ist tot, ist geköpft? "Da nahm die Mutter den kleinen Jungen und hackte ihn in Stücke und tat sie in den Topf und kochte ihn in der Suppe" - der Erzähler sagt es gickselnd, prustet los, bricht in Gelächter aus. Erst diese Unangemessenheit lässt die Brutalität der Szene wieder angemessen schockierend wirken.

Der Komponist als Geräuschmacher unterlegt das 50-minütige durchkomponierte Hörstück mit einer Klangtextur, die nirgends illustriert, aber überall etwas Merkwürdiges, Zauberisches hinzufügt. Schließlich die Musik: Riehm collagiert sie aus vielfältigen Stilebenen: Motive im Volkston, Freejazz-Elemente, zwölftönige Melodik und Zitate aus der Pop-Musik reichen sich die Hand zu einer surrealen Atmosphäre, in der das Vertraute und das Fremde märchenhaft miteinander verbunden sind. Vornehmlich Alfred Harth, Heiner Goebbels und Christoph Anders, die sich zur gleichen Zeit mit der Gruppe Cassiber Underground-Kultstatus erspielen, gehen ihm da zur Hand.

Das Stück ist polyglott ohne Fremdsprachen und von berückender Vielstimmigkeit. Mühelos lässt es das erzählerische Potenzial von Märchen anschaulich werden. Denn, so der Komponist, "wovon viele erzählen, das ging durch die Köpfe vieler" - und ist entsprechend mit Lebenswirklichkeit aufgeladen.