Die Außenpolitik des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck galt den Historikern immer als Meisterstück großer Diplomatie. Und im selben Atemzug wurde seinen Nachfolgern angekreidet, das von ihm geschaffene, kunstvoll ausbalancierte Bündnissystem bald nach seiner Entlassung 1890 zerstört zu haben. Nun hat Konrad Canis noch einmal in den Archiven geforscht und dabei manche Entdeckung gemacht, die bislang in den amtlichen Aktenpublikationen nicht auftauchte. Unser Bild wird dadurch zwar nicht grundlegend korrigiert, wohl aber um einige wichtige Akzente bereichert.

Canis ist einer der wenigen DDR-Historiker, denen auch nach der Wende von 1990 die Anerkennung seitens ihrer westdeutschen Kollegen nicht versagt blieb. Mit seinem Buch Von Bismarck zur Weltpolitik (1997) hat er bereits einen herausragenden Beitrag zur deutschen Außenpolitik der Nach-Bismarck-Ära geleistet. Sein neues Werk, das die zwei Jahrzehnte nach der Reichsgründung behandelt, bewegt sich auf ähnlich hohem Niveau. Es hält die Balance zwischen Erzählung und Analyse, besticht durch umfassende Quellen- und Literaturkenntnisse und vor allem: Es scheut auch vor pointierten Urteilen nicht zurück.

Die Kernthese lautet: Die außenpolitische Existenz des Kaiserreichs war von Anfang in einem weitaus größeren Ausmaß gefährdet, als es die Zeitgenossen damals erkennen konnten oder wahrhaben wollten. Die Reichsgründung bedeutete eine empfindliche Störung des europäischen Gleichgewichts. Bismarck erschien als ein neuer Napoleon. Dass er Frankreich als Preis für den verlorenen Krieg Elsass-Lothringen abverlangte, verstärkte die Befürchtungen, er werde unaufhaltsam weiterschreiten auf dem Wege der Kriege und Eroberungen.

Canis schildert den Reichskanzler als einen Politiker, der sich der Zerbrechlichkeit seiner Schöpfung wohl bewusst war. Sein erstes Ziel war es, das besiegte Frankreich, mit dessen anhaltender Gegnerschaft gerechnet werden musste, zu isolieren und die übrigen Mächte allmählich mit der Existenz eines deutschen Nationalstaats auszusöhnen. Dabei habe er sich jedoch keineswegs, wie der Autor, von gängigen Bismarck-Deutungen abweichend, darlegt, darauf beschränkt, das Deutsche Reich als "saturiert" zu erklären und vom Status quo als Maximum des Erreichbaren auszugehen. Vielmehr sei er ständig auf der Suche nach Alternativen gewesen, um die Stellung des Reiches auszubauen und zu sichern. Selbst der Gedanke an eine friedliche Vormacht habe ihm gar nicht so fern gelegen.

Die Kunst, sich mehrere Optionen offenzuhalten

Vor diesem Hintergrund interpretiert Canis die berühmte "Krieg in Sicht"-Krise vom Frühjahr 1875 als Versuch Bismarcks zu testen, wie weit er gehen konnte. Alarmiert über das Ausmaß der französischen Aufrüstung, drohte er Paris mit Krieg, ohne ihn wirklich zu wollen. Doch allein die Drohgebärde reichte aus, um in ganz Europa neues Misstrauen gegen den Aufsteiger in der internationalen Arena zu mobilisieren. Der Reichskanzler musste den Rückzug antreten – eine empfindliche Schlappe. Fortan konzentrierte er seine Anstrengungen darauf, die Spannungen vom europäischen Zentrum an die Peripherie zu verlagern, vor allem in die Krisenregion des Balkans, wo das Reich keine eigenen Interessen verfolgte und so in der vorteilhaften Position des Vermittlers agieren konnte. Die Rolle des "ehrlichen Maklers" spielte Bismarck auf dem Berliner Kongress 1878 so überzeugend, dass er in den Augen der Öffentlichkeit plötzlich als Friedenskanzler erschien. Doch Canis macht deutlich: "Es geht an der Sache vorbei, Bismarck als Kriegs- oder Friedenspolitiker sui generis zu bewerten. Die Sicherheit des Reiches stand ihm obenan."

Und diese Sicherheit blieb, das unterstreicht der Autor, auch in den Jahren zwischen 1879 und 1883 prekär, als Bismarck das Netz seines vielgepriesenen Bündnissystems – Zweibund, Dreikaiservertrag, Dreibund – knüpfte. Mochte der Kanzler damals auch bekennen, dass ihm die auswärtige Politik "keine einzige schlaflose Stunde mehr" bereite, so handelte es sich Canis zufolge lediglich um einen "temporären Optimismus", der schon bald, nach 1885, höchster Besorgnis wich, als der Dreikaiservertrag über dem österreichisch-russischen Balkangegensatz zerbrach und Russland sich immer deutlicher Frankreich annäherte. Eindrucksvoll schildert der Autor, wie verzweifelt Bismarck sich bis zum Ende seiner Regierungszeit mühte, den cauchemar des coalitions, den Albtraum eines russisch-französischen Bündnisses abzuwenden.