Hermann Glaser, bundesweit prominenter Kulturamtsleiter der Stadt Nürnberg – bis 1990 – und Verfasser zahlreicher Bücher, trat in den achtziger Jahren mit einer dreibändigen Kulturgeschichte der Bundesrepublik hervor, die einem breiteren Publikum überhaupt erstmals vermittelte, dass dies ein interessantes Thema sein könnte. Wer annimmt, die vorliegende Kleine deutsche Kulturgeschichte von 1945 bis heute biete ein Kondensat dieses Werkes, irrt allerdings. Glaser erweitert zum einen die Perspektive durch die Einbeziehung der SBZ und DDR, zum anderen will er einzelne "Geschichten" als jeweils in sich geschlossenen Komplex erzählen; in ihrer Addition sollen sie die Entwicklungstendenzen der deutschen "Kulturlandschaft" seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sichtbar machen.

Dass vom Material her die erste Hälfte des untersuchten Zeitraums dichter beschrieben ist, die Zeit seit den siebziger Jahren hingegen eher essayistischen Ausblickscharakter gewinnt, verwundert nicht angesichts des allgemeinen Standes der Zeitgeschichte, die in die gegenwartsnächsten Gefilde kaum schon vorgedrungen ist. Glanzstück des Buches bildet insofern auch gleich die erste der "Geschichten", jene vom kulturellen Neubeginn nach 1945. Hier schöpft der Autor besonders ergiebig aus eigenen Studien, bringt eindrückliche Zitate von Zeitgenossen zur Schilderung des "panischen Idylls", der moralischen Erschütterung in "edler Wortkunst". Souverän werden Trends in Literatur, bildender Kunst, Musik und Theater markiert, auch wenn die Metaphorik einer "Stunde Null" vielleicht etwas zu grell aufscheint, Kontinuitäten aus der Zeit vor 1945 hingegen kaum begegnen.

Glaser operiert mit einem nicht näher definierten, aber jedenfalls sehr weiten Begriff von Kultur als menschlicher Praxis. In den einzelnen "Geschichten" wird dabei jeweils Unterschiedliches hervorgehoben, sodass zum Beispiel der Eindruck entsteht, als blühten in den Trümmern der ersten Friedensjahre ganz überwiegend die schönen Künste, während im zweiten Kapitel über die Nachkriegs-Jugendjahre Halbstarke, Jazz und Rock ’n’ Roll als gewichtige Einflüsse der populären Kultur und zusätzlich harte sozialstatistische Daten einbezogen werden. Noch mehr erweitert sich das Spektrum bei der Betrachtung der Kultur im westdeutschen Wiederaufbau, von Stadtplanung und modernem Design bis zur Massenmotorisierung, wobei Glaser auch die zeitgenössisch virulente Kritik an Konsum und Amerikanisierung nicht vergisst.

Als Rückseite des Aufstiegs zum Wohlstand liest sich die Geschichte von der zweiten Schuld, in der – im Kontrast zum ersten Kapitel – an die "hohe personelle Kontinuität" der nationalsozialistisch belasteten Funktionseliten erinnert wird. Als Leitfaden durch den mittlerweile dichten Literaturdschungel hilft hier offenbar ein verdienstvoller Überblick von Norbert Frei aus dem letzten Jahr. Diesem Kapitel, in dem Kultur zum subjektiven Ambiente der politischen Geschehnisse wird, folgen einige Streiflichter auf die beiden deutschen Gesellschaften, deren östliche Glaser sehr fremd bleibt. In keinem anderen Kapitel wird einerseits so trocken politischer Stoff referiert und andererseits in so ausführlichen Paraphrasen und Zitaten der Inhalt von Romanen wiedergegeben, von Uwe Johnson bis zu Kumpfmüllers Hampels Fluchten (2000).

Ulbrichts banausische Kunstauffassungen bilden den Auftakt zum anschließenden Kapitel über die "ostdeutschen Tuis", in dem vor allem die Konflikte der linken Intellektuellen mit den parteilichen Zensoren, von den Auseinandersetzungen um den Aufbau-Verlag 1956/57 bis zum so genannten Kahlschlag-Plenum des ZK der SED 1965 und der Aberkennung der Staatsbürgerschaft von Wolf Biermann 1976 anschaulich machen, warum die DDR spätestens ein Jahrzehnt vor ihrem definitiven Ende geistig völlig ausgebrannt war. Und dies ganz im Gegensatz zur Bundesrepublik, für die sich der Protest der jungen Generation der späten sechziger und frühen siebziger Jahre geradezu als Jungbrunnen erwies, wie Glasers Überblick über ein buntes Kaleidoskop von den Beatles, Jimi Hendrix und anderen Antipoden der "Krawattenkultur" bis zur Frankfurter Schule, Fritz Teufel und Rudi Dutschke zeigt. Die leise Sympathie des Zeitzeugen gilt dabei der Durchsetzung der "Bauchtypen" der Frauen- und Friedensbewegung gegen den "schwergewichtigen Ernst" der 68er. Kritisch konstatiert Glaser allerdings, dass die Erneuerung des Humanen aus dem Gefühl zum "Jargon der Geschwollenheit" führen konnte.

Die Geschichte von der Postmoderne weist schließlich in das anything goes und den Zerfall der master narratives der achtziger Jahre. Ein knapper Ausblick auf die Berliner Republik der Neuen Mitte mit ihrer "Denunziation von Vision und Utopie", "konturlosen Beliebigkeit" und Informationsverschmutzung beschließt den Band. Vielleicht ist es symptomatisch, dass hier kaum mehr von Kultur, dafür aber von der Hoffnung auf eine neue Generation die Rede ist.

Glasers "Geschichten" sind ein schmackhafter Appetizer für die Beschäftigung mit der deutschen Kulturgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, und zum Weiterlesen präsentiert der Autor eine stattliche Literaturliste.