Erziehungsratgeber in der Buntzone zwischen Wissenschaft, therapeutischer Praxis und populärem Know-how ermüden oftmals durch ihr Sicherheitsbedürfnis. Der Autor will sich gegen Kritik möglichst abschotten, entsprechend wirkt sein Werk so einladend wie eine Festung. Da soll das lesende Publikum durch Statistiken belehrt, durch Fallbeispiele verblüfft und durch die resümierenden Gedanken des Autors endgültig überzeugt werden: Was hier geschrieben steht, ist der Weisheit letzter Schluss! In Wahrheit gibt es diesen letzten Schluss nicht; gedruckte Lebenshilfe, und wenn sie sich noch so gründlich mit Zahlen und Theoremen bewehrt, behält immer einen Essay-Charakter. Letztlich sind es die Meinung des Verfassers und die Art, wie er sie vorträgt, die dem Buch seinen Wert geben – oder auch nicht. Am besten, man macht sich als Autor nichts vor und argumentiert freiweg – unter Verzicht auf all das (pseudo)wissenschaftliche Brimborium, welches selbstverständlich immer so ausgewählt ist, dass es die Thesen des Autors stützt und nur in Sonderfällen eine zusätzliche Aufklärung liefert.

Man muss allerdings ein stabiles Ego haben, um sich also hinzustellen und zu verkünden: Leute, so ist es. Der französische Autor Marcel Rufo, ein bekannter Kinderpsychologe, dessen Bücher in Frankreich Spitzenauflagen erzielen, verfügt über ein solches Ego. Er hat Erfolg als Therapeut, Einfluss als Buchautor und nach 35-jähriger therapeutischer Erfahrung ein solides Wissen. Mit dieser Autorität tritt er vor sein Publikum hin und legt los. Er erzählt, wägt ab, durchdenkt, fasst zusammen. Man achtet auf seine Stimme als auf die eines Fachmannes mit Überlick und Einfühlung. Sein jüngstes Buch heißt Geschwisterliebe – Geschwisterhass. Die prägendste Beziehung unserer Kindheit und behandelt die Entwicklung von Kindern unter der Perspektive ihres Platzes in der Familie: als Einzelkind, als Erstgeborenes, als Nesthäkchen, als "Mittelkind", als Zwilling, als Kind mit Adoptivgeschwistern, als Scheidungskind, als Hinterbliebener, als Erbe.

Die Ältesten sind Rechthaber, die Jüngsten Schmeichelkätzchen

Man ist bald schon erstaunt, wie zahlreich und wie unterschiedlich die Konstellationen sind. Und zu jeder Geschwisterordnung gibt es Theorien, Legenden, Faustregeln. So heißt es, dass die Ältesten zu Rechthabern werden, die Jüngsten zu Schmeichelkätzchen und dass die Mittleren verfrüht in die Selbstständigkeit streben. Multipliziert man alle Fälle noch mal mit dem Faktor Geschlecht, kommt man zu noch mehr Differenzierungen. Und bezieht man nun noch unterschiedliche Reaktionsbereitschaften von Müttern und Vätern ein, braucht man einen Computer.

Rufo befreit seine Leser aus der Komplexitätsfalle, indem er souverän vereinfacht. Im Grunde ist jede Geschwisterbeziehung einmalig, man kann und soll nicht pauschalisieren und verallgemeinern, all das ist dem Verständnis hinderlich. Stattdessen führt Rufo die besorgten Eltern (die den Großteil seiner Klientel und seines Lesepublikums ausmachen dürften) freundlich, aber bestimmt zu elementaren individualpsychologischen Einsichten zurück. Jedes Kind ist ein absoluter Egoist, der alles für sich will und die Liebe seiner Eltern niemals teilen möchte. Daraus folgt: Geschwisterschaft ist eine Krankheit – allerdings "eine Liebeskrankheit, die von Rivalität und Bündnissen geprägt ist". Jedes Kind wächst an und mit Geschwistern, die Krisen jedoch: Wut, Streit, Hass und Schlägereien, sie hören sich nicht so an, als hätten sie ihr Gutes. Und doch ist es so.

Gar nicht oft genug, schreibt Rufo, könne er den Eltern sagen, dass Entwicklungsfortschritte nicht gemacht werden, wenn das Familienleben friedlich vor sich hin plätschert, sondern wenn es hoch hergeht und die Fetzen fliegen. Konkurrenz zwischen Geschwistern sei das Allernormalste – nur wo sie (scheinbar) fehlte, müsse man sich Sorgen machen. Mit väterlichem Gestus und autoritativer Gewissheit gewöhnt Rufo seinen Lesern falsche Vorstellungen ab: Idealfamilien gibt es nicht, und Harmonie ist eher die Ausnahme – und das ist auch gut so.

Geschwister mögen sich ähnlich sehen, aber gleich sind sie nie; viel kindliches Leid rührt daher, dass die Eltern es nicht schaffen, zu jedem Kind eine eigenständige Beziehung aufzubauen und jedem sein besonderes Entwicklungsmuster zu gönnen. Geschwisterliche Kämpfe haben fast immer damit zu tun, dass die Großen, die Kleinen und die Mittleren ihr individuelles Ich hervorkehren und eben nicht nur "der Große", "unsere Kleinste" und "dieser Mittlere" sein wollen, weil sie auf ihrer Unverwechselbarkeit bestehen und bestehen müssen. Diese Ich-Reifung ist für Rufo so entscheidend, dass er sogar dazu rät, Geschwistern, die ihre Nähe und ihre – ja, "Verwechselbarkeit" genießen, rigoros zu trennen. Eineiige Zwillinge, so meint er, sollten unbedingt in verschiedene Kindergärten und Schulen geschickt (und niemals in identische Kleider gesteckt!) werden. Eine Forschungslücke übrigens, so Rufo, gähne in Sachen geschwisterlicher Inzest. Der sei viel häufiger als angenommen und immer und unter allen Umständen eine gefährliche Entwicklungsbremse.

Rufo diskutiert keine modischen Strömungen im Felde der Pädagogik. Das könnte den Verdacht wecken, er sei arg konservativ. Das Erziehungsziel jedoch, das er als erwünscht vorgibt: die Stärkung der kindlichen Persönlichkeit durch eine ihr individuell entgegenkommende, liebevolle Fürsorge – als Voraussetzung für konfliktfreie Ablösung und Selbstständigkeit –, dieses Ziel ist eher klassisch-modern. Es gilt und wird gelten. Geschwister sind eine wichtige Bedingung für den Individuationsprozess. Sie sind Ansporn und Hemmschuh. Es ist Sache der Eltern, jedes Kind für sich in seiner Einzigartigkeit wahr- und anzunehmen.