Der Fischmopp – Seite 1

Dass er mal mit Putzen sein Geld verdienen würde, hätte Max Deinig* nicht gedacht. Wobei das Putzen nur einen Teil seines Berufes ausmacht. Der andere Teil ist Tauchen. Schließlich putzt er nicht irgendwo, sondern im Aquadom, dem höchsten Aquarium der Welt. Das Becken steht in Berlin-Mitte, in einem Fünf-Sterne-Hotel, und es ist außer vom Putzmann von etwa 2500 tropischen Fischen bevölkert. Das Aquarium steht dort, wo eigentlich ein üblicher Aufzug geplant war. Nun ist ein doppelwandiger Zylinder aus Glas daraus geworden, in dessen Inneren Touristen per Aufzug Fische gucken, ohne nass zu werden. Die einfache Fahrt von unten nach oben dauert sieben Minuten. Wer Taucher und Fische sehen will, muss entweder den Eintrittspreis bezahlen oder geschickt ein Zimmer mit Blick aufs Wasser buchen.

An die neugierigen Blicke von allen Seiten hat sich Max Deinig noch nicht gewöhnt. Er ist schließlich erst seit vier Monaten umschwärmt. Als er und seine drei Taucherkollegen im Dezember anfingen, war das Hotel noch im Rohbau. Und wenn er ins Wasser stieg, dann hielten die Fische respektvoll Abstand. Schnell merkten sie, dass von den Tauchern keine Gefahr ausging. Inzwischen geht Deinig die Zutraulichkeit zu weit. "Am schlimmsten sind die Kaisermakrelen", sagt er. Die Schwarmfische sind so gefräßig, dass sie ihm Haare vom Kopf rupfen. Noch sind die Fische kaum länger als ein Schuh. Ausgewachsen sind sie jedoch zwei- bis dreimal so groß. Mindestens. Deinig hat Bilder gesehen von Exemplaren in freier Natur, "das waren richtige Monstermakrelen mit 30 Kilo Körpergewicht. Wenn die hier auch so groß werden, muss ich meinen Beruf wechseln." Es wäre nicht das erste Mal.

Vor einem Jahr war der Taucher noch Softwareprogrammierer

Jahrelang drehte sich das Leben des 32-jährigen Elektrotechnikers um Computer. Noch vor einem Jahr hat er Software programmiert. Dann ließ er sich von einem Freund überreden, in dessen Firma einzusteigen. Die Firma ging Pleite, der Freund verschwand. Deinig machte sich selbstständig, ihm fehlte jedoch die Bewegung, die Natur. Getaucht ist der gebürtige Niederländer schon als Neunjähriger, und als er vor etwa einem Jahr die Baustelle des Riesenaquariums entdeckte, kam ihm spontan der Gedanke, dass man dort bestimmt einen Taucher brauchen müsste. Er fragte sich durch, bis er abtauchen durfte.

Angestellt ist Deinig nun bei der amerikanischen Firma ICM, die sich auf außergewöhnliche Aquarien spezialisiert hat. Fällt eine Pumpe oder ein Filter aus, alarmiert die Anlage eine Sicherheitsfirma aus München, und die meldet sich bei Deinig. Neulich kam der Anruf abends um elf. Dann steigt Deinig auf sein Fahrrad, radelt den Prenzlauer Berg hinab und versucht, den Fehler zu beheben.

Die Pumpen und Filter sind im Untergeschoss des Hotels untergebracht, direkt unter der Lobby. Jenseits einer schallisolierten und seewasserbeständigen Mauer befinden sich Umkleideraum, Dusche, Labor, Büro – und die Hotelküche, wo Nicht-Aquarien-Fische, Garnelen, Krebse und Algen zerschnippelt werden. Direkt gegenüber dem Aufzugeingang hängen die Anzüge aus Neopren. Noch während sich die Männer diese überziehen, rufen sie den Lift. Morgens werden sie von Vlado Djordjevic zum Taucherdeck gebracht.

Djordjevic arbeitet für eine weitere Reinigungsfirma und weiß alles über den Aquadom – so oft ist er mit dem Aufzug durchs trockene Innere des Aquariums gefahren und hat dabei den Wasser-Reisebegleitern zugehört: Der Zylinder ist 26 Meter hoch, die Wassersäule selbst 14 Meter. Unten ist das Glas 22 Zentimeter dick, oben 16 Zentimeter. Seit der Eröffnung putzt und poliert Djordjevic den Aufzug von innen. Eine besonders mühselige Arbeit, denn auf dem matten Edelstahl und der Rundum-Verglasung sieht man jeden Finger-, Hand- und Nasenabdruck.

Ideal wäre eine Holzbürste mit der Dichte des Wassers

Der Fischmopp – Seite 2

Vlado Djordjevic ist für die trockene Seite, Max Deinig für die nasse Seite des Aquariums zuständig – zwei völlig verschiedene Tätigkeiten. Denn erstens sind chemische Putzmittel im Aquarium verboten. Und zweitens müssen die perfekten Unterwasser-Putzwerkzeuge noch erfunden werden. Aktuell experimentiert Deinig mit Wischmopp, Bürste und Schlauch. Der Mopp hat eine wuschelige weiße Rolle und wird sheep’s leg genannt. Mit diesem Schafbein befreit er die Scheiben von Algen. Lässt er den Plastikstiel los, sinkt der Mopp nach unten. Seine leichte Holzbürste dagegen will unbedingt nach oben – was eher lästig ist, wenn man in 14 Meter Tiefe Braunalgen, Kot und Laich von Kunstkorallen wegzurubbeln hat. Ideal wäre ein Putzwerkzeug mit der Dichte des Wassers. Dann könnten die Ausputzer ihre Wischer und Bürsten zwischendurch einfach parken, ähnlich wie Astronauten ihre Schraubschlüssel im schwerelosen Raum. Schließlich gilt es noch, den Schlauch zu bändigen, dessen scharfer Wasserstrahl die unzugänglichen Winkel der ausnahmslos künstlichen Korallen reinigt. Manchmal werden dabei Teile der Deko einfach weggepustet.

Dennoch haben die Taucher, die aus Sicherheitsgründen immer zu zweit unterwegs sind, offensichtlich ihren Spaß. Sie ziehen sich gegenseitig an den Flossen, scheuchen Fische mit dem Schafbein und veralbern Touristen im Aufzug. "Für die ist das der Höhepunkt der Fahrt, fast noch besser als die Fische selbst", sagt David, einer der Reisebegleiter im Aufzug.

Geht der Sauerstoff in den Flaschen der Taucher zur Neige, stellen sie sich auf den Kopf, den Wischmopp senkrecht nach oben gerichtet. So weiß das Lift-Personal, dass es Zeit ist für einen Stopp oberhalb der Wasseroberfläche.

Sobald die Besucher den Aufzug verlassen haben, zieht das Trockenpersonal die Taucher aus dem Wasser. Um dem Kollegen von der Trockenreinigung die Arbeit zu erleichtern, stellen sie sich zum Abtropfen in kleine Plastikwannen. "Das sieht ziemlich peinlich aus", sagt Max Deinig. Auch daran hat er sich noch nicht gewöhnt.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert