In seinem Roman Fegefeuer der Eitelkeiten schildert der amerikanische Autor Tom Wolfe ein Gespräch zwischen einem Boulevardjournalisten und einem Lehrer aus einem Slum-Viertel in der Bronx: Ob man den High-School-Schüler, den er porträtiere, als "hoch begabt" bezeichnen könne, fragt der Reporter. Der Lehrer antwortet: "Hoch begabt" sei der falsche Ausdruck, er unterscheide bei seinen Jungen zwischen "kooperativ" und "gefährlich".

Ganz so schlimm sieht es an deutschen Hauptschulen noch nicht aus. Aber wir sind dabei, die schwächsten zehn, zwanzig Prozent unserer Schüler auf dem Weg in eine rundum modernisierte Gesellschaft zu verlieren. Das ist nicht weniger dramatisch als der gern beklagte Abstand unserer Forschung zur "Weltspitze".

Lehrer als Elternersatz

Zwar liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland, bedingt durch Kaskaden staatlicher Warteschleifen und Förderprogramme, im internationalen Vergleich niedrig. Aber es geht um viele Menschen: 500000 junge Leute unter 25 suchen einen Job, und der Hälfte von ihnen fehlt jegliches Ausbildungszertifikat. Fast 100000 Schüler, zehn Prozent jedes Jahrgangs, verlassen die Schule ohne Abschluss. Laut Pisa haben zudem mehr als 200000 Schüler jedes Jahrgangs schwere Lese- und Schreibprobleme. Jenseits der Statistik berichten Hauptschulpädagogen von Gleichgültigkeit, Gewalttätigkeit, Verzweiflung. Arbeitgeber führen seit Jahren die Klage, viele junge Leute seien kaum "ausbildungsfähig". Die Unternehmen ziehen Konsequenzen: Nur ein Drittel aller Betriebe nimmt überhaupt Lehrlinge an. Das ist ein Verhängnis für die Jugendlichen – und für das Land.

Eine Ausbildungsplatzabgabe, wie sie die SPD vorbereitet, wird daran wenig ändern. Wer es sich leisten kann, wird sich von der schwierigen Azubi-Pflicht freikaufen. Man kann diese Haltung der Arbeitgeber als verantwortungslos geißeln. Konstruktiver wäre es, sich dem eigentlichen Problem zu stellen: Was muss die Gesellschaft tun, um Hauptschüler ausbildungsfähig zu machen? Helfen würde zuerst einmal bildungspolitische Ehrlichkeit. Die politisch korrekte Mahnung, dass die Hauptschule keine "Restschule" werden dürfe, hat Unheil angerichtet. Um den "Rest" nicht zu kränken, hat man jahrelang möglichst wenig über ihn gesprochen. Das hatte zur Folge, dass diese Jugendlichen, deren besonderer Förderbedarf ausgeblendet wurde, nun nicht einmal das erreichen, was sie gut bewältigen könnten. Dazu gehören einfache Industriearbeit, manches Handwerk, Dienstleistungen von der Kosmetikerin über den Catering-Service bis hin zum Postboten.

Für alle diese Tätigkeiten sind allerdings Rechnen, Schreiben und Lesen ebenso Voraussetzung wie die verpönten Sekundärtugenden: Höflichkeit, Pünktlichkeit, Augenkontakt mit dem Kunden, Kleidung, die ältere Menschen nicht allzu sehr erschreckt. Den Jugendlichen dies klar zu machen ist kein reaktionärer Angriff auf irgendeine "Jugendkultur" – es ist der Schutz der jungen Leute vor einer Selbststigmatisierung, die sie reelle Chancen kostet.

Darauf zu achten, wäre das nicht Aufgabe der Elternhäuser? In einer idealen Welt – ja. Aber ein Teil der Eltern hat sich längst aus der Verantwortung verabschiedet, ein Teil ist mit der Erziehung überfordert. Die Schule hat kein privates Gegenüber mehr. Hauptschullehrer nennen zwei Problemgruppen: Kinder aus hoffnungslosen deutschen Sozialhilfemilieus, besonders aus zerrütteten Familien. Und Migranten- oder Aussiedlerkinder, die kaum Deutsch sprechen. Für Letztere heißt die nötige Hilfe schlicht: Sprachunterricht. Am besten vom Kindergarten an, in der Schule nicht unter zwei Stunden täglich.

Bei den deutschen Problemkandidaten ist die Sache komplizierter. Sie haben Konzentrationsschwierigkeiten. Sie bekommen zu Hause kaum geistige Anregungen. Kein Erwachsener interessiert sich wirklich für sie. Für diese Kinder muss die Schule – wer sonst? – einen Familienersatz organisieren. Das entspricht bisher nicht ihrem Selbstverständnis.