Vor Jahren, tief im vergangenen Jahrhundert, prägte der kanadische Filmregisseur David Cronenberg den Satz: "Sex ist die Erfindung einer raffinierten Geschlechtskrankheit." Es war die Frühzeit von Aids, der Eros wurde vom Misstrauen unterwandert, und die Liebesgeschichten, die aus Hollywood kamen, waren verkappte Horrorgeschichten.

Im heutigen Deutschland müsste Cronenbergs Satz variiert werden: "Sex ist die Erfindung eines eiskalten Komikers." An Aids hat man sich sozusagen gewöhnt, aber das Misstrauen vor der Erotik ist geblieben; im Kino und im TV wird es zur Comedy verarbeitet, auf den Bühnen zur Farce.

Die Geschlechterdifferenz ist nicht mehr Motor von Dramatik, sondern bloß noch ein überlebter Witz, ein äffisches Relikt. Wenn Mann und Frau auf der Bühne einander berühren, endet das entweder blutig oder lächerlich. Ein Kampf zwischen ungleichen Gegnern. Es stoßen zusammen: das Geschlecht der Zukunft (Frauen) und das Geschlecht der Vergangenheit (Männer).

Der Mann, wie ihn das deutsche Theater zeigt, ist eine untergehende Gattung – sie besteht aus Idioten, Sadisten oder Lügnern (und der Aufschneider und Lebensflüchtling Peer Gynt ist die letzte wahre Männerrolle dieser Tage, ein Kerl wie eine Zwiebel, zähe Schale, kein Kern).

Wie kommt das wohl? Offenbar handelt es sich um ein Kompensationsgeschäft. Die Männer, die im Theater und im Leben die Schlüsselpositionen halten, beschwichtigen die Frauen, indem sie sich selbst in der Kunst als Nullkreaturen darstellen.

Es gibt in den Ensembles viel mehr Schauspieler als Schauspielerinnen, es gibt mehr und bessere Rollen für Männer als für Frauen, und es gibt fast nur Männer in den Leitungsebenen. Die Männer pflegen diese Verhältnisse, aber die Gemeinheit des Ganzen nagt doch an ihnen. Raffiniert halten sie die Frauen vom Aufbegehren ab. Mit ihrer Bühnenkunst sagen sie ihnen: Ach, lasst uns noch ein bisschen weitermachen, bald ist es mit uns eh vorbei; wir sind doch keine Gegner mehr für euch.

Da ist es, um eine populäre Wendung zu gebrauchen, KEIN ZUFALL, dass in diesen Tagen Frank Wedekinds Lulu wieder auftaucht. Das Stück handelt vom zerstörerischen männlichen Eros, der am Weibe scheitert. In aktuellen Inszenierungen aber ist Lulu kein wildes Sittengemälde, keine "Monstretragödie" (Wedekinds Gattungsbezeichnung), sondern ein ödes Naturschauspiel. Das Spiel vom Meer und der Insel; man erlebt Männergier, die ozeanisch und bewusstlos das Eiland Lulu umbrandet. Brutale gegen unschuldige Anima.

Das war vor vier Wochen am Hamburger Thalia Theater so, als in Michael Thalheimers Regie Herren mit baumelnden Gemächten das scheue Sterntalerkind Lulu (Fritzi Haberlandt) bedrängten (ZEIT Nr. 11/04), und das ist jetzt an der Berliner Schaubühne so – hier spielt Anne Tismer die Lulu in Thomas Ostermeiers Regie.