die zeit: In den USA gilt Übergewicht, besonders bei Kindern, mittlerweile als nationales Problem. In New York ist fast die Hälfte aller Schüler zu dick. Wie sieht es in Deutschland aus?

Martin Wabitsch: In den vergangenen 20 Jahren haben auch die deutschen Schüler deutlich zugelegt. Jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche sind übergewichtig. Vier bis acht Prozent aller Schulkinder sind sogar adipös, also fettsüchtig, was mit Gesundheitsstörungen verbunden ist.

zeit: Wie krank sind adipöse Kinder?

Wabitsch: Wir haben 500 dieser Kinder untersucht und besorgniserregende Veränderungen gefunden. Bei mehr als einem Drittel wurde das metabolische Syndrom diagnostiziert, eine Kombination aus Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung und Insulinresistenz (siehe nebenstehenden Artikel). Ebenso viele Kinder hatten Schäden an Knien, Hüftgelenken oder Füßen. Fast ein Drittel litt unter einer Fettleber, bei der die Leberzellen größere Mengen Fett einlagern, sodass die Leber chronisch entzündet ist. Wir wissen noch nicht, was das langfristig bedeutet, weil das Phänomen neu ist. Fettlebern gab es bei Kindern bislang nicht. Zwei Prozent der Kinder hatten Gallensteine, ebenfalls eine typische Erkrankung von Erwachsenen. Ein Prozent hatte den so genannten Altersdiabetes, der normalerweise erst vom 40. Lebensjahr an auftritt.

zeit: Warum werden Kinder immer dicker?

Wabitsch: Die Ursache liegt sicher nicht in den Genen, denn die haben sich in den vergangenen 20 Jahren nicht verändert. Die Lebensbedingungen sind schuld. Kinder und Jugendliche bewegen sich deutlich weniger als vor 20 Jahren, sie sitzen länger vorm Fernseher und am Computer. Die andere Seite ist die Energiezufuhr: Kinder können heute an jeder Ecke für wenig Geld ungesunde Nahrung kaufen; sie nehmen einen Großteil ihrer Energie nicht mehr zu den Hauptmahlzeiten zu sich, sondern in Form von Snacks, zuckerreichen Limonaden und so genannten Kinderlebensmitteln wie Jogurts und anderen Süßspeisen. Die haben einen größeren Anteil an Fett oder schnell verwertbaren Kohlenhydraten, gehen sofort ins Blut, sättigen aber nicht dauerhaft. Die Energie wird nicht vollständig vom Stoffwechsel verarbeitet, sondern zum großen Teil im Fettgewebe gespeichert.