Mitten in der New Yorker Modewoche ging ein Raunen durch die 7th Avenue, an der sich die einheimische Modewelt versammelt. Es ging nicht um schrumpfende Rocksäume, schockierenden Mustermix oder gewagte Dekolletés. Es ging um Elite, die einstige Nummer eins unter den Modelagenturen. Just zum alljährlichen Höhepunkt der lokalen Modeszene trat die Inhaberin Monique Pillard den Gang zum U. S. Bankruptcy Court an, dem Insolvenzgericht im Finanzdistrikt Manhattans.

In den vergangenen Monaten, so spotten Insider, hatte die Agentur beinahe mehr Anwälte als Models beschäftigt. Auslöser ist ein wenig glamouröser Rechtsstreit mit einer ehemaligen Angestellten, die gar kein Model war. Victoria Gallegos wurde als Marketingmanagerin eingestellt. Von Anfang an, so sagte die Asthmatikerin vor Gericht, habe sie klargestellt, eine absolut rauchfreie Arbeitsumgebung zu benötigen. Davon sei jedoch an ihrem Arbeitsplatz keine Rede mehr gewesen, überall in den Räumen der Agentur sei gepafft worden. Als sie sich beklagte, seien Witze auf ihre Kosten gerissen worden. Nach nur sieben Wochen wurde Gallegos gefeuert. Sie zog vor Gericht, und eine Jury sprach ihr 5,2 Millionen Dollar zu. Elite legte Berufung ein – mit mäßigem Erfolg. Die Strafe wurde auf 4,3 Millionen Dollar reduziert. Noch ist der bizarre Fall nicht abgeschlossen, doch für die Agentur könnte er das finanzielle Ende bedeuten.

Das ist allerdings nicht die einzige Sorge der Chefin Monique Pillard. Längst ist das Geschäft mit den Schönen nicht mehr so lukrativ, und die einstigen Pioniere der Branche umweht der Hauch des Gestrigen.

Elite – der Name war Programm. John Casablancas gründete die Agentur 1979 und holte Monique Pillard dazu. Die beiden machten aus Mannequins Models und New York neben Paris und Mailand fashionable. In den Neunzigern erfanden sie das Supermodel. Elite baute die Karrieren von Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Cindy Crawford, Linda Evangelista und Heidi Klum auf. Diese Models stellten mehr als Vorführfiguren für Modemacher dar. Es waren Luxus-Globetrotter, Objekte der Begierde, Futter für die Boulevardblätter, über deren Affären mit Sängern und Zauberern mehr berichtet wurde als über die Kreationen, die sie zeigten. Und Elite hatte sie alle.

Zu viel Sex am Arbeitsplatz? Anwälte ermitteln gegen Manager

Dann gab es hässliche Laufmaschen. Die BBC drehte 1999 mit versteckter Kamera einen Bericht über die schmierige Seite des mondänen Geschäfts. Lisa Brinkworth, eine 32-jährige Reporterin, posierte als Möchtegernmodel. Verdeckt recherchierte und filmte sie ein halbes Jahr. Gerald Marie, der damalige Chef von Elite Europe und Exgatte Linda Evangelistas, soll Brinkworth ein pikantes Angebot gemacht haben. "Ich zahle dir eine Million Lire, wenn du mit mir schläfst", berichtete die Journalistin.

Die Chaperons – so werden die Beschützer genannt, die im Auftrag der Agentur auf die minderjährigen Models aufpassen sollen – hätten ihnen Drogen besorgt, sie in Nachtclubs geschickt und ermuntert, Sex mit Kunden zu haben. Die betroffenen Agenturen, darunter auch Elite, gingen gerichtlich wegen Verleumdung gegen die BBC vor. Im Juni 2001 einigten sich die Parteien gütlich: Die BBC erklärte sich bereit, den Bericht nicht mehr auszustrahlen, und die Agentur entschuldigte sich öffentlich für die sexuellen Anspielungen ihrer Angestellten. Trotzdem mussten Marie und die europäischen Elite-Manager ihre Posten räumen. Aus Glitzer-Look war Schmuddelimage geworden.

Anwälte musste Elite bald wieder bemühen. Einige Models haben in den USA Sammelklagen gegen ihre Jobvermittler eingereicht. Die Agenturen – neben Elite auch Next, Wilhelmina und Ford – hätten unzulässige Preisabsprachen getroffen. Rund 20 Prozent behalten die Vermittler der Vorzeigefrauen in der Regel als Gebühr ein. Noch winden sich die Verfahren langsam durch die Mühlen der US-Justiz, aber falls die Klägerinnen gewinnen, drohen Millionenzahlungen. Es sei absurd, anzunehmen, dass die Agenten, die sich untereinander hassen, miteinander verschworen sein sollen, sagte John Casablancas dem Boulevardblatt New York Daily News. "Wer sind diese Models überhaupt – wahrscheinlich Frustierte und Erfolglose", höhnte er. Inzwischen hat Casablancas den Elite-Chefsessel verlassen. Es läuft eine Klage einer Exmitarbeiterin gegen ihn. Der Agenturchef soll sie als 15jähriges Model geschwängert und eine Abtreibung arrangiert haben.