Mittwoch

Der Flug von Nairobi nach Kigali ist ausgebucht. Viele Weiße, viele Kenianer – man erkennt sie daran, wie sie das Gespräch suchen mit den Mitreisenden. "Hello, good morning, how are you today?" Die Ruander sind zurückhaltender. Sie haben gelernt, nicht zu viel von sich preiszugeben.

Die junge Frau neben mir verhält sich wie eine Kenianerin. Sie fragt, ob wir in Europa jetzt Winter hätten. Sie erzählt von ihrer Zeit in London. Sie lacht viel. Und trotzdem weiß ich, dass sie aus Ruanda kommt: Über ihr Gesicht, von der Schläfe am Auge vorbei und hinunter bis zur Wange, verläuft eine breite Narbe. Ein Machetenhieb offenbar. Sie hat Glück gehabt, damals, vor zehn Jahren: Sie hat den Völkermord überlebt.

Über dem Viktoriasee türmen sich Wolken. Die Lange Regenzeit beginnt gerade, mit heftigen Gewittern. Erst im Landeanflug auf Kigali werden die Hügel sichtbar. Die tausend Hügel von Ruanda. Ein paar Kilometer von der Landebahn entfernt wurde vor zehn Jahren die Maschine des Präsidenten abgeschossen, am 6. April 1994. Am nächsten Morgen begann das Inferno, in dem 800.000 Menschen starben.

Am Flughafen begrüßt uns ein Transparent: "Entdecken Sie das neue Morgenlicht von Afrika!" Auf Englisch und Französisch. In Kinyarwanda, der Sprache der Hutu und Tutsi, steht da nur: "Willkommen in Ruanda". Nicht jede Sprache taugt für große Worte.

Draußen wartet Alfred Munyentwari auf uns, der Direktor der SOS-Kinderdörfer von Ruanda. "Habt ihr dicke Pullover dabei?", fragt er. "Es ist kalt, da oben in Byumba!" Wir Basungu, Bleichgesichter, machen immer wieder die gleichen Fehler. Glauben, in ganz Afrika sei es warm.

Alfred zeigt uns das neueste SOS-Projekt in Kigali, das Berufsbildungszentrum. Ende des Jahres wird es eröffnet, dann werden 350 Jugendliche hier zur Schule gehen und Elektriker, Mechatroniker oder Klempner lernen. Jugendliche aus den Kinderdörfern in Ruanda, Burundi und im Kongo, aber – wie bei jeder SOS-Schule – auch Kinder aus der Umgebung.