Es war nur ein kleiner Eklat am Rande. Doch was er erahnen ließ, hat es in sich: Westeuropas "postnationales" Geschichtsbewusstsein ist den osteuropäischen EU-Beitrittsländern fremd.

Sandra Kalniete, ehemalige Außenministerin Lettlands und designierte EU-Kommissarin, hatte bei der Eröffnungsveranstaltung der Leipziger Buchmesse davor gewarnt, dem Sowjettotalitarismus wegen seines Anteils am Sieg über den Nationalsozialismus einen moralischen Bonus einzuräumen. Beide Horrorsysteme seien "gleichermaßen kriminell" gewesen.

Darin sah Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, eine "unerträgliche" Gleichsetzung des kommunistischen Terrors mit den NS-Verbrechen. Aber seine Kritik traf nur die halbe Wahrheit. Mit Recht beklagte er, dass Kalniete die eigene Nation als Opfer "völkermörderischer" Willkürherrschaft darstellte, ohne die Mittäterschaft der baltischen Staaten beim nationalsozialistischen Judenmord zu erwähnen. Das Defizit ist sprechend: Am westlichen Diskurs über die NS-Katastrophe, in dem der Holocaust zur Chiffre eines europäischen "Zivilisationsbruchs" erhoben wurde, haben die Gesellschaften hinter dem Eisernen Vorhang nicht teilnehmen können. Ihre Geschichtserzählung stellt den Leidensweg der je eigenen Nation in den Mittelpunkt. Der Versuch, die vom kommunistischen Kahlschlag ramponierte Nationalidentität auf Hochglanz zu polieren, bringt neue Amnesie und wieder aufgewärmte Sündenbock-Projektionen mit sich. Auch Korns Befürchtung, mit den osteuropäischen Nationen könnte ein ungebrochener Antisemitismus in die EU zurückkehren, ist deshalb begründet.