Geradezu versessen auf Abbilder von sich scheint diese Stadt zu sein, jedes Kaffeehaus, jedes Restaurant, das auf sich hält, hütet alte Ansichten der Corniche oder der Midan Ramlah, der alten Pracht- und Einkaufsstraßen im Stil der Belle Époque. Schwarzweißfotos: ewiges Mittelmeer und die Moden der Vorkriegszeit, die ptolemäische Metropole mit Straßenbahn, und aus der Limousine steigt eine schöne Griechin. Dass die Dichter während des Zweiten Weltkriegs in Alexandria ausgesprochen zivilisierte Abenteuer suchten und sich dabei nur kurz vom vorrückenden Rommel stören ließen, gehört zu den europäischen Literaturmythen. Lawrence Durrell schrieb 1944 in einem Brief an Henry Miller: "Die Atmosphäre ist dumpf, hysterisch, sandig, und der Wind aus der Wüste treibt alles zur Raserei: Liebe, Haschisch und Knaben sind für jeden, der hier länger als einige Jahre stecken bleibt, die einzige Lösung."

Die Wahrheit ist, dass Alexandria sechzig Jahre später ein beinahe tugendhafter Ort geworden ist. Die betörende Mixtur aus Geist, Erotik und gepflegtem Nichtstun ist jedenfalls verdampft. Andauernd wird die Vergangenheit beschworen, aus den unterschiedlichsten Gründen, aber es bleibt unklar, in welcher Zeitschicht sich die Stadt spiegeln möchte. Voller Erinnerungen und Erbschaften, ist sie ein unaufgeräumter Antiquitätenladen, und sie misstraut den – westlichen – Fantasien über sich, seit es um die Wahrheit geht, und um die Wahrheit geht es seit 1987, als in Ägypten erstmals der Ruf "Al-islam kuwa al-hall", "Der Islam ist die Lösung", erklang.

Eine gespannte, gar nicht voluptuös-mediterrane Ruhe liegt über Ägypten, es ist eine Stagnation mit fast schon skurrilen Zügen, die aber nicht zum Lachen sind. Eine in jeder Hinsicht alte Regierung misstraut dem Volk, dieses ihr. Die Wirtschaft ist zu unproduktiv, um jährlich 700000 jungen Leuten Arbeit zu geben, die Abhängigkeit von den Einnahmen aus dem Tourismus, dem Sueskanal, dem Öl- und Gasgeschäft, den Überweisungen der ägyptischen Gastarbeiter und den amerikanischen Militärhilfen ist eklatant. Ägypten ist ein "Rentenstaat", alles kommt von oben, auch die Subventionen für das billige Brot. Initiative zeigen vor allem Eliten, aber die haben ihr Schäfchen ohnehin im Trockenen.

In den Dörfern mangelt es an sauberem Wasser oder an festen Straßendecken, an Geld für Moscheen mangelt es hingegen nie. Die "Muslimbrüder" sind die einzige ernst zu nehmende Oppositionskraft im Land, und weil sie nicht korrupt sind, genießen sie moralischen Rückhalt. Unter der Oberfläche verbirgt sich eine gewaltige Dynamik. Kairo paktiert politisch mit dem Westen, dafür lässt es zu, dass sich das Leben schleichend islamisiert – aber nur, soweit sich daraus keine politische Kraft formiert. Argwohn und Verdacht haben sich über das Land gelegt wie Plagen.

Tommy Hilfiger und Gucci sind unterdessen in die Shopping Malls von Alexandria eingezogen. Die Satellitenschüsseln auf den Dächern exerzieren alle in Richtung Westen. In der berühmten Bar des Cecil-Hotels wird man wie überall von einem TV-Gerät zwangsunterhalten, und das noch berühmtere Café Pastroudis ist geschlossen. Unter den acht Gouvernoraten Ägyptens sticht Alexandria hervor, weil ein weltoffener Gouverneur die Wirtschaftskraft der Stadt für eine kluge Verwaltung nutzt. Die Stadt ist durch den Schiffbau und den Handel eine reiche Mittelmeermetropole geblieben. Wenn irgendwo in Ägypten, zeigt sich hier eine Zivilgesellschaft im Embryonalstadium.

Alexandria gilt als provinziell, das Image eines Bade- und Ausflugsortes hat es noch nicht ganz verloren. Gerade deswegen lebt Mai gern hier. Ihre Eltern sind Ärzte. In den Achtzigern gingen sie nach Kuwait, dort wurde Mai auch geboren. Heimweh, nicht wirtschaftliche Hoffnungen trieben die Eltern zurück. Mai ist 22, hat eine gute Ausbildung und schlägt sich inzwischen als Nachhilfelehrerin durch. Sie trägt das Kopftuch, genauso wie neunzig Prozent der jungen Ägypterinnen. Sie trägt es nicht als Zeichen des Glaubens oder der Zugehörigkeit, sondern, darauf legt sie Wert, "weil der Koran es so vorschreibt". Immer wieder erinnert sie daran, wie schwierig es für sie und ihre Familie heute sei durchzukommen.