Cambridge/Massachusetts

Der Aufzug will nicht in den 4. Stock fahren. Alle anderen Etagen in dem Bürohochhaus am Technology Square sind frei zugänglich, aber wenn man die "4" oder "5" drückt, tut sich nichts – erst nach telefonischer Anmeldung wird der Fahrstuhl freigegeben. Oben wird der Besucher von einem großformatigen Flachbildschirm begrüßt. Ein Werbevideo erklärt mit futuristischen Animationen die Mission des Institute for Soldier Nanotechnology. In Schaukästen stehen Puppen in Tarnanzügen der US-Armee, Gasmaske inklusive. Aufgepflanzte Stars-and-Stripes-Flaggen signalisieren: Hier betritt man kein gewöhnliches Universitätsinstitut, sondern quasi militärisches Gelände.

Das Institute for Soldier Nanotechno-logy (ISN) gehört zum Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, der amerikanischen Elitehochschule für Technik und Naturwissenschaften. Finanziert aber wird das ISN von der US-Armee. Das klingt nach einem heiklen Spagat. Nicht minder ungewöhnlich ist das Forschungsthema. Soldaten-Nanotechnologie – was soll man sich darunter vorstellen? Geht es um Schwärme von Nanorobotern, die in Science-Fiction-Büchern wie in Michael Crichtons Prey vorhergesagt werden? Will das US-Militär seinen Gegnern künftig mit solch fantastischen Waffen zu Leibe rücken?

Die Antwort ist profaner: Hier werden neue Materialien für die Uniform der Zukunft entwickelt. Diese soll nämlich völlig anders aussehen als heute, wenn man dem ISN-Chef Ned Thomas glauben darf: "Wir denken da eher an einen Taucheranzug – eng anliegend, aber einige Millimeter dick." An der Innenseite dieser Kampfhaut überwachen Sensoren ständig die Lebensfunktionen des Soldaten. Sensoren auf der Außenseite warnen vor biologischen oder chemischen Kampfstoffen. "Und Teile des Anzugs sind dynamisch", spinnt Thomas die Idee weiter. "Die meiste Zeit braucht der Soldat keinen ballistischen Schutz. Aber wenn er ihn braucht, ist er da." Das bedeutet: Sobald der Anzug von einem heranfliegenden Geschoss getroffen wird, versteift er sich und wird dadurch kugelsicher. Künstliche Muskeln, die in die Rüstung eingearbeitet sind, sollen die Kräfte des Kämpfers vervielfachen und ihm helfen, über meterhohe Mauern zu springen.

Diese Vision kann – wenn überhaupt – erst in einigen Jahrzehnten Wirklichkeit werden. Bislang ist es nur Grundlagenforschung, die am ISN betrieben wird. Das aber scheint das Interesse des US-Militärs nicht zu schmälern. Aus seinen tiefen Taschen hat das Pentagon schon oft langfristige Projekte finanziert. Aus der Rüstungsforschung ging das Internet hervor, ebenso das GPS-Navigationssystem. Nun ist also die Nanotechnik dran, zurzeit wohl das buzzword der Naturwissenschaften.

Schon vor drei Jahren sondierte die US-Armee auf Seminaren mit Wissenschaftlern aus dem ganzen Land das Potenzial dieser Zukunftstechnik. Zur selben Zeit fand ein Wandel in der Militärstrategie statt: Statt der großen Waffensysteme, im Armee-Jargon "Plattformen" genannt, rückte der einzelne Soldat in den Mittelpunkt des Interesses. Seine Kampffähigkeit entscheidet in den bewaffneten Konflikten, die Amerika seit dem Ende des Kalten Krieges führt, oft über Sieg und Niederlage. "Einige Schlachten in Afghanistan wurden von 12 Leuten gegen 500 gewonnen", erzählt Ned Thomas, der sich seit seinem Amtsantritt einiges an militärischer Fachkenntnis angeeignet hat.

Kurzfristig erhofft sich die Armee von den Forschungen vor allem eine Reduzierung des Gewichts, das die Soldaten im Gefecht mit sich herumschleppen. Der durchschnittliche GI trägt je nach Aufgabe und Dienstgrad zwischen 30 und 60 Kilo Gepäck durch den Wüstensand – das fördert nicht gerade die Kampfkraft.

Noch vor den Anschlägen vom 11. September 2001 schrieb die Armee die Gründung eines neuen Universitätsinstituts aus. 50 Millionen Dollar, verteilt über fünf Jahre, sollten zur Verfügung stehen – für Forschung, die sich auf rein defensive Projekte beschränkt und keinerlei Geheimhaltung unterliegt. Es sollte an einer einzigen Universität beheimatet sein, mit eigenen Räumen und Labors. Forscher zu finden war nicht schwer. Auch am MIT bewarb sich eine Arbeitsgruppe um den Materialforscher Thomas. "Hätten Sie Interesse an einem geförderten Forschungsprojekt, mit Räumen für Ihre Studenten und brandneuen Laborgeräten?", beschreibt Thomas die Verlockung des ISN. "Alles frei publizierbare Forschung, keine Restriktionen für ausländische Studenten – das klingt doch nach einem guten Geschäft."