Neapel ist ein weites, leeres Land. Ein Ort, nicht aus Steinen von Menschenhand gemacht, sondern von der Natur aus südlichem Licht und magischen Stimmungen. Nur ein großes formschönes Felsenei ruht in der freien, offenen Gegend, die mild schimmert wie ein tiefes Wasser bei Windstille. Hier ist das Maß aller Dinge die feine, lang gezogene Horizontlinie. Mal wächst aus ihr der Saumrand eines Waldes in die Höhe und verdunkelt bedrohlich die ganze Szene, dann wieder gibt sie den Blick frei aufs blaue Meer und die Unendlichkeit.

Ursel und Karl-Ernst Herrmann haben sich dieses Neapel als Idealwelt für Mozarts Così fan tutte ausgedacht: An einem solchen Ort müssen die Gedanken der Menschen zwangsweise in die Ferne schweifen, eine Sehnsucht muss sich in ihre Seelen senken, das geheimnisvolle desir, das die Mozartfiguren in dieser Oper immer wieder auf den Lippen führen und von dem sie einfach nicht loskommen. Und wenn das Zauberwort zum ersten Mal erklingt bei der diesjährigen Eröffnungspremiere der Salzburger Osterfestspiele, wenn Fiordiligi, Dorabella und Don Alfonso im ersten Akt ihren vermeintlich in den Krieg ziehenden Geliebten das wunderbare Abschieds-Terzett Soave il vento hinterhersingen, lassen die Berliner Philharmoniker einen derart betörend dunklen Klangschatten auf die Szenerie fallen, dass einem angst und bange wird.

Man ahnt da schon: Mit der Opera buffa wird es an diesem Abend nichts werden. Als turbulent übermütige Verwechslungskomödie (mit einem schmerzlichen Erwachen am Schluss) wollen die Protagonisten die Geschichte vom Paartausch aus Wettlaune nicht erzählen. Das jugendlich Gackernde, der aufgekratzte Presto-Schwung, die ganze stürmische Lebensüberlaune, die doch zumindest aus dem ersten Akt der Oper spricht, scheinen Simon Rattle am Dirigentenpult nicht allzu sehr zu interessieren. Gewiss, er treibt seine kraftvoll und mit Hingabe spielenden Berliner Philharmoniker an und legt, wie immer, sein mitreißendes Temperament in jede Phrasierung. Aber viel mehr noch ist er dem Ernst hinter den Gefühlsstürmen auf der Spur, den Momenten bohrender Unruhe und Verstörung, den immer wieder in die Verzweiflung kippenden jähen Stimmungswechseln. Rattle lässt im Orchestergraben die Abgründe gähnen, über denen die Liebesverwirrten oben auf der Bühne unentwegt hinwegtaumeln – mit einem vor allem in den Bläsern traumhaft abgemischten Luxusklang, der selbst für die Berliner Philharmoniker keine Selbstverständlichkeit ist, denn Mozartopern liegen bei ihnen nur selten auf den Notenpulten.

Weg vom Bartwitz

Auch die Regie von Ursel und Karl-Ernst Herrmann rückt das Stück bewusst weg vom Witz der angeklebten Bärte. Mit einem simplen Trick werden die beiden Frauen aufgewertet, weg von der backfischhaften Opferrolle, hin zu wissenden Mitspielerinnen: Fiordiligi und Dorabella belauschen die Männer beim Abschluss ihrer Wette, kennen also von Anfang an die Wahrheit im perfiden Partnertauschexperiment – und verstricken sich umso heilloser in der Ambivalenz von existenzieller Hingabe und ironischem Als-ob.

Cecilia Bartoli als Fiordiligi (darstellerisch gehandicapt durch einen Knöchelbruch bei den Proben) legt ihr ganzes Starsängercharisma in die Rolle. Hochfahrend expressiv und bebend in Körper und Stimme, verzehrt sie sich in den Arien geradezu für die Konfliktlagen einer emotional tief gespalteten Frau. Zum Niederknien schön gelingen ihr die flehend zurückgenommenen Pianissimopassagen, flackernd schraubt sie die Ausdruckswut in die Extreme. Ganz vorn an der Rampe darf sie ihre große "Felsen"-Arie der Standhaftigkeit direkt ins Parkett singen. Ein Primadonnenauftritt, bei dem Mozarts Spiel mit Schein und Sein für einen Moment prekär auseinander zu laufen droht: Spätestens in den Koloraturen singt da nicht mehr Fiordiligi, sondern nur noch Cecilia Bartoli. Der Superstar genügt sich selbst. Magdalena Kožená – längst auch ein Star in ihrem Stimmfach – hält sich da viel konsequenter an ihr Figurenprofil: Als eine von erotischer Sehnsucht getriebene und doch melancholisch verschattete Grenzüberschreiterin gibt sie die Dorabella wunderbar intensiv. Kurt Streit als Ferrando, Gerald Finley als Guglielmo und Thomas Allen als aasig galanter Intrigendrahtzieher Don Alfonso haben solcher Frauenpower nur grundsolide Stimmkultur entgegenzusetzen.

Wie kann es sein, dass man von diesem hochkarätig besetzten Salzburger Mozart-Gipfeltreffen am Ende doch einen eher kühl distanzierten Eindruck mit nach Hause nimmt? Lag es an der Bartoli, die in ihrer Überpräsenz das fragile Ensemblegefüge zwangsweise sprengen muss? War es die abgeklärte, gerundete, "vermittelnde" Schönheit, die Rattle in dem Stück suchte oder doch das Edeldesign der Inszenierung von Ursel und Karl-Ernst Herrmann? Alles Klamaukhafte haben sie in guten Geschmack und alle Psychologie in stilvolle Symbolik zu verwandeln versucht. Anmutig werden Sonnenschirmchen und raffinierte Abendkleider über die Szene getragen. Geradezu zur Haute Couture hochgezwirbelt ist das Kleid der Kammerzofe Despina (Barbara Bonney). Das Geschmäcklerische verstellt so ein wenig den Blick auf die Beschädigungen des Lebens, die den Mozartfiguren im Verlauf der beiden Akte widerfahren.

Così fan tutte ist ein Stück der feinen Balance zwischen Schein und Sein, leicht und schwer, Komik und Ernst. Und die Herrmanns wissen selbst, wie schwer sie herzustellen ist. Am Bühnenportal des großen Festspielhauses haben sie deshalb eine surreale Waage angebracht, an der man die Gewichtsverhältnisse im Stück ablesen kann. Rechts hängt ein schwerer Stein an einem Seil, links eine riesige Feder. Am Ende des Abends ist die Feder so schwer, dass sie den Stein in die Luft zieht.