Bevor der Spaziergänger auf dem Kreuz-Rundwanderweg in Medelsheim losmarschieren kann, muss er erst mal ein paar Haken schlagen. Denn Medelsheim liegt an Deutschlands äußerstem Rand, dort, wo Lothringen schon über die grüne Grenze wächst. Die Anreise führt über die Landeshauptstadt Saarbrücken, über das romantische Niederwürzbach und die barocke Vorzeigeresidenz Blieskastel. Und vor den ersten Schritt auf einsamen Hügeln unter Aufsicht von Mäusebussarden und Rabenschwärmen setzen die Saarländer erst einmal einen Besuch in den schummrigen Weinstuben.

Lautstark bricht die Stunde des Dämmerschoppens herein. Jene "unpathetische Geselligkeit" triumphiert, die schon Joseph Roth entgegenschlug, als er sich hier in den zwanziger Jahren für seine Saar-Reportagen umhörte. Im Wirtshaus am Blieskasteler Paradeplatz wird hemmungslos geschwätzt. "Mir mache enner druff", verkündet am anderen Ende des schweren Eichenholztisches eine gargantueske Dame unter schwarz-rot gefärbter Haarpracht. Wer Kartoffeln mag, bestellt Grumbierpannekieschelscher (Kartoffelpfannkuchen). Wer ein langes Gedächtnis hat, erinnert sich an fröhliche Frankreich-Fahrten im Crèmeschnittsche, dem alten Renault 4 CV, der in den fünfziger Jahren der Stolz vieler Grenzbewohner war.

Die Liebe zur Verkleinerung des Großen und Ganzen geht landesweit um, als müsste Alltagsüberdruss durch Mundart gelindert, Schlichtheit zärtlich verpackt und mit einer Prise französischer Eleganz angereichert werden. "Ich bin auch nicht gerade ein puritanischer Hochdeutschsprecher", sagt der Denkmalpfleger des Saarpfalz-Kreises Bernhard Becker, als er den Gast mit den blank geputzten Wanderstiefeln am nächsten Tag nach Medelsheim in den südöstlichen Zipfel des kleinsten Bundeslandes chauffiert. Dort, wo der Lärm des Lebens langsam nachlässt, fühlt sich Herr Becker tief verwurzelt. Parr (Pfarrei) heißt diese abgelegene Kulturlandschaft im Volksmund, weil sie erzkatholisch ist. Im März bestellen Kleinbauern ihre hügeligen Äcker, im Sommer flattert der Große Feuerfalter vom Bocksbart ins Labkraut. Flaneure streifen durch annähernd zaunlose Zonen und genießen schöne Aussichten bis zu den Vogesen. Hier grüßt in aller Bescheidenheit – den Vorurteilen vom Gruben- und Hüttenland zum Trotz – Europas stille Mitte. Ein welliges Muschelkalkmeer, das die Sonnenwärme speichert und bis zum Buntsandsteingürtel im Norden und Süden weich ausrollt.

Stopp auf dem Kirchplatz von Medelsheim, dem Ausgangspunkt für den Fußmarsch im großen Bogen um den Ortskern herum. Tief fliegende Wolken, frei laufende Hühner und der fröstelnde Gast. Der zurrt die Kapuze fest und schaut, dass er den weißen Wegweiser mit dem schwarzen Kreuz entdeckt. Das ist das Zeichen, das ihn bei seiner Frühlingssuche auf dem vier Kilometer langen Kreuz-Rundwanderweg vor Verirrung bewahren soll. Damit er auch ja keines der elf Kruzifixe an Wald- und Wiesenrändern verfehlt.

Die Geschichte der saarpfälzischen Wegekreuze hat der Historiker Becker in einem voluminösen Werk aufgeschrieben, und er erzählt bei der Herfahrt mit Verve von der Vergangenheit: "Insgesamt sind im Saarpfalz-Kreis 400 solcher sakralen Flurdenkmäler erhalten. Sie sind Zeugnisse einer 350-jährigen Kultur- und Religionsgeschichte, geben Auskunft über Lebensgewohnheiten und Hoffnungen unserer Vorfahren. Gegen Plünderung und Hunger wurden diese Kreuze aufgestellt – als Trost und zur Ehre Gottes." Und gegen die Angst. Denn die Bewohner an der Grenze, die den Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs, des Deutsch-Französischen Kriegs und zweier Weltkriege ausgesetzt waren, lebten nur selten auf der sicheren Seite.

Ob in Sandstein gehauen, holzgeschnitzt oder einbetoniert – das Leiden Christi kennt zahlreiche Varianten. Mal flankieren auf getrennten Sockeln Maria und Johannes den Gekreuzigten, mal hat der Steinmetz in den Kreuzfuß Blattornamente, Engelsköpfe und das Herz Jesu mit Dornenkrone und Flammenkranz gemeißelt. Sockelinschriften weisen auf die Stifter hin. Zum Beispiel auf Theobalt Rinter und seine "Ehe" Johana Hilt oder auf die Familie Engelbert, die ihren 21-jährigen Sohn im Sommer 1926 bei einem Unfall verlor.

Schmerzliche Erinnerungen der kleinen Leute streift der Spaziergänger auf seiner durchweichten Piste in der noch kargen Vorfrühlingslandschaft. Kühl weht ein Lüftchen von Nordwest. Dabei rühmt sich die Parr ihrer überdurchschnittlichen Temperaturen und bringt später im Mai auf warmen Kalkböden viele Orchideenarten hervor. Kleines Knabenkraut, Hängender Mensch, Bienenragwurz und 57 andere Blütenwunder aus derselben Familie. Jedoch: zu früh. Noch seufzt der Matsch bei jedem Schritt. Spärlich fallen fahle Sonnenstrahlen auf die Kreuze, die den Weg zum Friedhof auf der Höhe säumen.