Wo das Opfer lag (links); Horst Kukies, Profiler im LKA Hamburg

alle Fotos: Jörg Fokuhl für DIE ZEIT

Der Tatort ist ein Ort, an dem ein Mensch Entscheidungen getroffen hat. Böse Entscheidungen, die etwas verraten über das unbekannte Hirn, dem sie entstammen. Der Täter hat objektive Spuren seines Handelns hinterlassen und damit ein Stück von seinem Innersten preisgegeben. Der Tatort spiegelt die Absichten und Wünsche des Täters wider, hier findet sich seine ganz persönliche Handschrift. Es ist an der Polizei, diese Handschrift zu lesen, zu verstehen und, den Spuren am Tatort folgend, zum Täter vorzudringen.

Das ist die Idee von der Tatortanalyse und vom Täterprofil. Sie klingt einfach und plausibel und ist doch im Polizeialltag nur unter größter Anstrengung zu realisieren: Warum hat der Mörder sein Opfer erdrosselt? Warum hat er es erschlagen? Warum hat er es erstochen? Hatte er das Messer dabei, oder stammt es aus der Küche des Opfers? So lauten die klassischen Standardfragen der Kripo. Weit tiefere Einblicke in die Persönlichkeit des Mörders gewähren aber diejenigen seiner Entscheidungen, die den Ermittlern auf den ersten Blick gänzlich überflüssig erscheinen und die allein aus der Perspektive des Täters verständlich werden: Warum 90Messerstiche, wo schon der erste tödlich war? Warum fehlt bei einer Leiche kein Geld, aber eine Heiligenfigur? Was hat der Täter am Tatort getan, das er nicht hätte tun müssen?, lautet deshalb der Ansatz der Tatortanalytiker und Profiler.

Solche Spezialermittler gibt es neuerdings beim Bundeskriminalamt und in allen 16 Landeskriminalämtern Deutschlands. OFA ist der Name der Sonderabteilungen, was für Operative Fallanalyse steht. Die OFA-Mitarbeiter rollen Fälle, die auch nach Jahren von der Kripo nicht aufgeklärt werden konnten, noch einmal ganz neu auf und versuchen mit kriminalistischem und psychologischem Sachverstand den Täter doch noch einzukreisen. Diese avantgardistische und spannende Methode stammt aus den USA und soll nun auch der deutschen Kriminalpolizei helfen, unentdeckten Verbrechern auf die Spur zu kommen.

Neben den staatlichen Tatortanalyseteams tummeln sich auf dem Felde des Profilings aber auch eine Reihe Kriminalpsychologen, die sich – nach Art der Titelfigur der britischen Fernsehserie Für alle Fälle Fitz – im Alleingang in die Seele der Täter begeben. Mancher von ihnen hat es zu einiger Prominenz gebracht, wie der Österreicher Thomas Müller. Diesem Profiler ist es sogar gelungen, die Position des unsichtbaren Dienstleisters, der im Hintergrund der Kriminalpolizei wirkt, zu verlassen und als Sachverständiger vor deutschen Gerichten aufzutreten. Seither beschäftigt sich die Justiz immer wieder mit der Frage, ob die durch die Tatortanalyse zutage geförderten Erkenntnisse nicht auch bei der Überführung von Straftätern hilfreich sein könnten.

Ausbildung beim FBI, das imponiert dem deutschen Richter

Im Juni 1997 kommt es im Landgericht Nürnberg-Fürth zu solch einer außergewöhnlichen Beweisaufnahme: Der damals 33-jährige Thomas Müller wird als Sachverständiger in einer Hauptverhandlung gehört. Zum ersten Mal lässt sich ein deutsches Gericht den Tatort von einem Gutachter psychologisch interpretieren. Es geht um Mord. Die Staatsanwaltschaft hat den Maschinisten Roland K. angeklagt, zwölf Jahre zuvor, also 1985, mit Vergewaltigungsabsichten ins Appartement der Prostituierten Sylvia S. eingedrungen zu sein und sie – als er auf Widerstand stieß – in einem Wutanfall mit über 20 Messerstichen getötet zu haben. Die Beweislage gegen K. ist denkbar dünn. Sichere Spuren gibt es nicht, auch keine Zeugen und schon gar kein Geständnis. Im Gegenteil: Roland K. bestreitet die Tat heftig – er tut es bis heute.

Andererseits hatte er im Polizeiverhör eingeräumt, er sei in den Jahren 1984 und 1986, mit einem Messer bewaffnet, bei insgesamt drei Prostituierten eingedrungen, die im Erlanger Hochhaus Am Europakanal 36 ihrem Gewerbe nachgingen. Er habe sie bedroht und zum Geschlechtsverkehr gezwungen und sei dann mit ihren Einnahmen geflüchtet. So weit K.s Geständnis. Sylvia S. jedoch ist am 2. Mai 1985 in ihrem Appartement Am Europakanal 34, also im Nachbargebäude, getötet worden. Für die Polizei in Erlangen war deshalb rasch klar, dass der Vergewaltiger Roland K. auch ein Mörder sein müsse.

Da Beweise nicht aufzutreiben sind, wendet sich das Gericht an Thomas Müller, Oberkommissar mit Psychologiestudium. Er stellt den "Kriminalpsychologischen Dienst" des österreichischen Innenministeriums dar, eine Einmannabteilung, die sich mit Tatortanalyse beschäftigt. Müller hat sich beim amerikanischen FBI auf dem Feld der Verbrechensanalyse und des Profilings fortgebildet. Das imponiert den Richtern. Er rekonstruiert nicht nur den Tathergang, er traut sich auch zu, die Motive des Mörders und die individuelle Handschrift, das Profil des Täters aus den Tatortbefunden herauszulesen. Das Gericht beauftragt Müller deshalb zu untersuchen, ob der Mord an Sylvia S. der Vergewaltigungsserie mit der Handschrift des Roland K. zuzurechnen sei oder ob ein anderer Täter infrage komme.

Müllers Gutachten gibt klare Antworten: Bei den drei Vergewaltigungen am Europakanal 36 handle es sich um charakteristische Taten eines anger retaliatory rapist, eines Vergewaltigers, der aus Zorn und Vergeltungsdrang handle und das Opfer demütigen wolle. Gerade bei diesem Tätertypus drohe jedoch eine Eskalation der Tat, wenn es durch Gegenwehr der Frau – bei der toten Sylvia S. fand sich ein Tränengasspray – zu einem Kontrollverlust des Täters komme. Den Mord an Sylvia S. am Europakanal 34 definiert Müller aus verbrechensanalytischer Sicht als eine aus dem Ruder gelaufene Vergewaltigung, bei der es zur ungeplanten Tötung des Opfers gekommen sei. "Eine Täteridentität" mit dem Vergewaltiger im Nebenhaus könne "mit hoher Wahrscheinlichkeit hergestellt werden", steht in seinem Gutachten.

Müllers Auftritt vor Gericht hat etwas von einer Show. Der Angeklagte und sein Anwalt erinnern sich, wie der Sachverständige "mit Entourage und Pistolenhalfter" in den Saal vorrückte. Fragen der Verteidigung habe er gequält und herablassend beantwortet. Das Gericht dagegen war vom Auftritt des Sachverständigen Müller wohl ziemlich beeindruckt. Jedenfalls spricht die Kammer Roland K. wegen Mordes schuldig und verurteilt ihn zu einer Jugendstrafe von zehn Jahren. Fast das gesamte Gutachten des Profilers wird ins Urteil hineingeschrieben.