Wer Wolfgang Mattheuer in seiner Leipziger Altbauwohnung besuchte, der sah ein Mattheuer-Museum: von Zimmer zu Zimmer ein Bilderdepot, gehängt, gestapelt, ein ganzes Lebenswerk aus Geschichten, Visionen und Phantasmagorien. Wenn man mit ihm und seiner Frau, der Malerin Ursula Mattheuer-Neustädt, vorn im Erker saß und Tee trank, dann kam man schnell auf politische Dinge, auf seine Enttäuschung über den Sozialismus, seine Freude über die Wiedervereinigung und seine Kritik am Kapitalismus. Man spürte, konnte förmlich sehen, wie es in dieser gedrungenen Gestalt brodelte, wie er Anteil nahm am Schicksal des Landes, ja des Menschengeschlechts, zuweilen sarkastisch, dann wieder in heiligem Zorn. Aber die thüringisch gefärbten Sätze kamen langsam und mit Pausen; er gehörte zu jenen, die denken, dann erst sprechen oder malen.

Seine Bilder erzählen davon. Sie sind gegenständlich und verständlich. Auf den zweiten Blick zeigt sich ihre Vieldeutigkeit. Eine Reisebus fährt durchs Gebirge, aber am Straßenrand liegt Ikarus, abgestürzt. Eine Autobahn schwingt sich über die Hügel, aber über den Bergen schwebt eine Göttin mit Luftballons in der Hand. Eine ältere Frau sitzt an einem Tisch, vor ihr ein Blumenstrauß, aber sie hat die Augen geschlossen und wirkt verhärmt. Mattheuer ist mit solchen Allegorien berühmt geworden, weil man ihnen politisches Dissidententum unterstellte. In der DDR, zu deren berühmtesten Malern er zählte, war ja nichts bedeutungslos, schon gar nicht ein Bild mit dem Titel Die Ausgezeichnete, das offenkundig auf das Ritual anspielte, Helden der Arbeit zu belobigen. Und die heroische Gestalt mit den Luftballons (Hinter den sieben Bergen) schien jene Freiheit zu verkörpern, die 1968 in Prag erkämpft und mit Panzern niedergewalzt worden war.

Aber eindeutig ist die Botschaft seiner Bilder nie. Man sieht, dass da einer den Fragen und Zweifeln, die ihn quälen, Gestalt gibt. Manchmal öffnen sich die Bilder ins Unheimliche. Eine irrlichternde Utopie bricht herein, ein namenloses Jenseits, und die Landschaft versinkt in einer Nacht, die aufgerissen wird von einem fernen Licht, einem Scheinwerfer, einem Gewitter, einem Kometen. Man kann Mattheuers Bildern zuhören wie einer gemalten Erzählung, und je länger man hört und sieht, desto vielfarbiger, vielsagender wird sie.

Wolfgang Mattheuer, am 7. April 1927 in Reichenbach im Vogtland geboren, lehrte lange an der Leipziger Hochschule. Die DDR und ihr Sozialismus schienen ihm anfangs ein guter Traum, wurden ihm aber immer mehr zum bösen. 1988 trat er aus der SED aus. Der Kunst- und Galerienbetrieb des Westens hielt ihn wohl lange für einen Sonntagsmaler, aber die einprägsame Kraft seiner Bilder hat sich dagegen behauptet, und die große Retrospektive zu seinem 75. Geburtstag in Chemnitz wurde ein Triumph. Im so genannten Proust-Fragebogen, den das FAZ-Magazin seinerzeit veröffentlichte, hat Wolfgang Mattheuer auf die Frage "Wie möchten Sie sterben?" mit einem Wort geantwortet: "Plötzlich". An seinem 77. Geburtstag ist dieser große Künstler plötzlich gestorben.