Schade, dass man Bäume nicht als Skulpturen handeln kann. Mit manchen Kastanien oberhalb von Cortes ließen sich auf Auktionen Höchstpreise erzielen. Sie sind aufs expressivste geborsten, ihre Knorrigkeit kennt keine Grenzen, jeder Splitter Holz scheint mittlerweile vergreist, gebeugt von mehreren Jahrhunderten angestrengten Wachstums. Trotzdem halten sich die meisten Stämme am Leben. Im Frühjahr treibt es an den Spitzen der Zweige zartgrün hervor. Also fallen im Herbst Kastanien von den Ästen. Nur ist kaum noch jemand da, um sie aufzusammeln.

Cortes liegt im Courel, einer besonders bergigen Zone des galicischen Hinterlandes. Hier wurden die ersten Asphaltstraßen erst vor dreißig Jahren in die Hänge gewalzt. Leitplanken scheinen bis heute unbekannt. Wer nach Dutzenden Serpentinen endlich Cortes erreicht, mag sich sagen, dass es im Hinterland des Hinterlandes liegt. Ein einziger Pfad führt durchs Dorf, rechts und links davon stehen die gut fünfzehn Häuser aus schwarzem Schiefer so dicht beieinander, als gäbe es einen Grund, die Reihen geschlossen zu halten. Im Dorf ist keine Menschenseele. Die Gebäude stehen leer und verfallen. Die Schieferplatten eingeknickter Dächer ragen tief in ehemalige Wohnräume hinein, die Stallungen im Untergeschoss sind nur noch leere, finstere Kammern.

Schließlich hören wir doch ein Geräusch, das nach menschlichem Leben klingt. Hacke auf Stein. Außerhalb des Dorfes steht Dario Lopez auf einem winzigen Flecken Feld und arbeitet gemütlich vor sich hin. Welche Überraschung – beiderseits. Lopez sieht sonst selten jemanden. Er ist zurzeit der einzige Bewohner des Ortes. Er ist hier aufgewachsen. Er hat viele Jahre lang Vieh über die Hügel getrieben. Dann ist er fortgegangen, weil von Cortes aus einfach kein Geld zu machen war. Danach wohnte niemand mehr im Dorf. Jetzt ist Lopez wieder hier, auf seinem Stückchen Heimaterde. Manchmal kommen ihn die Kinder besuchen. Seine Frau allerdings, die habe das Land endgültig satt, sagt er, und sei deshalb in der Stadt geblieben. Uns rutscht heraus: "Dabei ist das Land so schön hier!" Lopez lächelt. Dann nickt er sehr zögerlich und sagt: "Sie haben sicher Recht. Nur konnten wir das nie so sehen. Das Land hat uns einfach zu viel abverlangt."

Bis vor kurzem zählte Cortes noch zu den pueblos abandonados, den verlassenen Dörfern. Keine andere Region Spaniens hat so viele von ihnen wie Galicien. Rund 300 waren zuletzt verzeichnet. Allerdings ist es weder mit dem Begriff "Dorf" noch mit dem Begriff "verlassen" so einfach, wie man denkt. In Galicien können schon zwei, drei zusammenstehende Häuser als Dorf gelten, wenn das Ensemble in der Gegend einen eigenen Namen trägt. Das kann den Reisenden zur Verzweiflung treiben, denn noch an den kleinsten Abzweigungen wird oft gleich auf vier bis fünf Ortschaften hingewiesen, alle in unmittelbarer Nähe. Besonders in der dichter besiedelten Küstenzone jagt dann ein Ortsschild das nächste, ohne dass man je in einem ausgewachsenen Dorf ankäme.

Auch "verlassen" ist ein Begriff mit Spielraum. Denn nur selten haben die Familien, die irgendwann ausgezogen sind, um anderswo ihr Glück zu finden, ihre Besitzung wirklich aufgegeben. Manchmal kehren sie an den Wochenenden zurück; manchmal restauriert plötzlich ein Enkel das Gut des Großvaters; manchmal steht noch Vieh in den Stallungen, von Hirten aus der Nähe hineingetrieben. Manchmal ist zwar das Dorf wirklich und dauerhaft verlassen. Aber dann lässt es sich womöglich komplett umwidmen, zu einem Bed-and-Breakfast-Ensemble, einem Museumsdorf, einer betreuten Wohnanlage. In jedem Fall reicht ein verlassenes Dorf immer zugleich in die Vergangenheit zurück und in die Zukunft hinein. Es hat eine Geschichte hinter sich und eine vor sich, selbst wenn Letztere nur in der Fantasie desjenigen spielt, der gerade durch die Ruinen streift und davon träumt, sich hier selbst einmal mit allen Freunden niederzulassen.

Die Ruinen dämmern spektakulär auf der Kuppe dahin

Welchen Traum so ein Dorf entzünden mag, hängt natürlich vom Leben des Träumers ab. Die vormaligen Bewohner träumten über Jahrzehnte davon, irgendwann einmal das kleinbäuerliche Elend im grünen Winkel hinter sich zu lassen. Galicien hat seiner Aufgeworfenheit wegen kaum ausgedehnte landwirtschaftliche Flächen. So zersplittert wie die dörfliche Topografie ist auch die Parzellierung des Bodens. Die Familien wuchsen, aber das Land wuchs nicht mit. Es wurde nur immer feiner aufgeteilt. Schließlich konnte mancher kaum mehr so viel anbauen, dass es für die eigenen Versorgung genügte. Also wanderten die Galicier massenweise aus, zunächst gen Südamerika, später in die reicheren Regionen Westeuropas. Oder sie zogen nur herunter vom Berg an die nächste Hauptstraße. Wer vor dem Fenster Autos vorbeirauschen hörte, hatte es wenigstens bis an eine Ader des Fortschritts geschafft.

Wenn man dagegen hier nur durchreist, dann wirft man einen weicheren, zugeneigteren Blick auf die Siedlungen vergangener Zeiten – und kommt darin womöglich überein mit manchen Heimkehrern oder Nachkommen, denen die Härten früherer Tage lange genug zurückliegen, um jetzt das Erbe neu entdecken zu können. In Soutomoro, einem von Pinien und Kastanien umstandenen Dorf im Nordosten, begegnen wir Berta Serantes. Ihren Eltern gehörte eines der knapp zehn granitenen Häuser des Ortes. Sie haben nach und nach alle zwölf Kinder in die Emigration verabschiedet – bis auf Berta, die Jüngste. Die blieb erst, dann verheiratete sie sich in die nächste größere Stadt. Nach dem Tod der Eltern und dem Wegzug der letzten Dorfbewohner schaut sie nun von Zeit zu Zeit im Ort vorbei. "Viele Leute stößt alles ab, was sie mit einem Dorf wie diesem verbinden – das Ländliche, das Abgeschiedene, das Zurückgebliebene. Die meisten zieht es heute in die Nähe der Kaufhäuser."