Die Autoren des ersten Buchs Mose betrachteten die Endlichkeit des Lebens sachlich: „Denn Erde bist du, und zur Erde sollst du zurück.“ Wie das Geborenwerden, so hatten die biblischen Poeten treffend bemerkt, gehört zum Kreislauf des Lebens der Zerfall. Aus Herbstlaub wird Futter fürs neue Grün. Aus Tier wird Aas; es nährt junges Getier. Auch die Überreste eines Menschen stehen bald wieder zur Verfügung. So ist der irdische Alltag.

Die Leiche

Die Frau in der metallenen Bergungswanne, deren kalten Körper der Bestatter Heiner Dornberger gleich bearbeiten wird und die er zwecks Wahrung ihrer Anonymität Frau Kocher nennt, hat ihren letzten Atemhauch vergangene Nacht um halb zwei getan, in ihrem 87. Lebensjahr. In jenem Moment begann mit dem Abbruch der Sauerstoffzufuhr in ihrem Körper die Zersetzung. Bei diesem Prozess kommt es bald zur Gärung. Enzyme, im Lebenden für den Stoffwechsel zuständig, machen sich daran, die Zellstrukturen des einstigen Arbeitgebers aufzulösen. Über Eingeweide und Blutbahnen verteilen sich im Körper Bakterien, deren Aufgabenbereich sich früher auf das Gedärm beschränkt hat. Nun fangen sie an, die Innereien in Kohlendioxid, Wasser, Methan, Alkohol und organische Säuren umzuwandeln.

Ließe man das Treiben der Keime ungehindert geschehen, blähten bald Gase die Innenräume, träte verflüssigtes Körpergewebe aus. Doch dem mikrobiellen Leben nach dem Tod wird aus Gründen der Kultur vorerst Einhalt geboten. Um also ein wenig Zeit zu schaffen für das, was wir Bestattungskultur nennen. Denn von einem Verstorbenen wünschen Hinterbliebene, in Ruhe Abschied zu nehmen. Nun wissen wir, dass biologische Prozesse temperaturabhängig sind; Kälte mäßigt die Gier der Mikroben, die sich an uns gütlich tun. Und so ist Frau Kocher nach ihrem Ableben von der Nachtschwester sofort in den Kühlraum geschoben worden. Drei Grad ist die Luft dort kalt.

Wenn der Tod sich in Deutschland einen Menschen holt – er tut dies seit 1972 häufiger, als ein Kind das Licht der Welt erblickt, 840000-mal im Jahr –, resultiert daraus ein Auftrag für eine der krisenfestesten Branchen überhaupt. 13 Milliarden Euro Gesamtumsatz wird im Friedhofs- und Bestattungsgewerbe jährlich erwirtschaftet. Das Gros fällt zu fast gleichen Teilen auf Bestatter (18 Prozent), Gärtner (17 Prozent), Steinmetze und Friedhofsverwaltungen (je 16 Prozent). Die Prognosen sind rosig. "Gestorben wird immer, hat meine Oma gesagt, als sie von meiner Berufswahl erfuhr", begründet zum Beispiel Verena Himler ihren Einstieg ins Geschäft. Die junge optimistische Frau ist Azubi der ersten Stunde. Seit dem 1. September lernt sie Bestatten, was erst seit August 2003 ein offizieller Ausbildungsberuf ist.

Das Geschäft mit dem Tod, eines der ältesten Gewerbe, will damit auf Zukunft pochen und der anstehenden Diversifizierung gewachsen sein. Denn Wandlungen bahnen sich an. Zwar tritt uns die Zunft derer, die uns unter den Boden bringen, noch meist einförmig und grau entgegen. In düsteren Schaufenstern werben staubige Urnen vor blickewehrenden Vorhängen für Qualität bei Letzten Dingen. Doch bunte Särge, hell erleuchtet präsentiert, in Magazinen ausgeschriebene Trauerseminare und die öffentlich erklärte Bereitschaft, beim Umschummeln bestehender Bestattungsgesetze behilflich zu sein, sind Zeichen dafür, dass die Totengräberzunft zum Strukturwandel bläst. "Die Dynamik ist so groß wie nie", sagt der an der Universität Hamburg lehrende Sozial- und Kulturhistoriker Norbert Fischer. Der klassische Friedhof werde bald nur noch einer von vielen Orten sein, an denen Menschen bestattet werden.

Es scheint, als habe der Zeitgeist den Tod neu beseelt. Nachdem der reale Tod (im Gegensatz zum medialen) jahrzehntelang aus der Öffentlichkeit verbannt worden ist, sind nun viele Hinterbliebene nicht mehr bereit, das Entsorgen ihrer Liebsten einer anonymen Industrie zu überlassen. Zwar wird bei den Erdbestattungen, die heute noch einen Anteil von 58 Prozent ausmachen, der traditionelle Friedhofsplatz schon aus hygienischen Gründen Pflicht bleiben. Aber auch die strengen Friedhofsbräuche beginnen sich zu lockern. So können Muslime sich auf dem Hamburger Friedhof Öjendorf glaubenskonform ohne Sarg bestatten lassen. Aus kirchlicher und staatlicher Obrigkeit entlassen, arbeiten viele Friedhöfe heute marktkonform und bieten multikulturellen Service an, bis hin zur rituellen Waschung. In den Friedhofskapellen treten vielerorts religionsneutrale, hauptberufliche Abdankungsredner auf, es ertönen Rockmusikklänge, und die Esoterik feiert fröhliche Urständ.