Dass Detlev und ich Freunde waren, kann ich nicht unbedingt behaupten. Manchmal spielten wir auf dem Pausenhof unserer kleinen Grundschule mit Glasmurmeln. Wir mochten uns, der blond gelockte Detlev mit seinen Dackelbeinen und ich, der meist in ledernen Kniebundhosen zur Schule ging, die Haare brav gescheitelt. Detlev konnte besser Fußball spielen, dafür war ich ihm beim Rechnen und im Diktat zwei Noten voraus. An mir, dem Sohn eines Oberamtmanns, klebte der Geruch der Mittelklasse. Detlevs Vater war Elektriker, sommers mähte er im Blaumann den Rasen vor den Mietshäusern um die Ecke.

Nach den Sommerferien 1973, zu Beginn des fünften Schuljahrs, kam ich plangemäß aufs Gymnasium, während Detlev von nun an die Hauptschule besuchte. Nur ein Fußweg und ein Zaun trennten die Gebäude. Wir hätten morgens gut gemeinsam zur Schule gehen können. Aber wir taten es nicht. Er war doch jetzt Hauptschüler, auf der anderen Seite des Zauns, und ich Gymnasiast, Sextaner. Die von der Hauptschule sind kein Umgang, sagten meine Eltern. Also ging ich auf der linken Seite der Straße und Detlev auf der rechten. Ich glaube, wir haben nie wieder ein Wort miteinander gesprochen.

Ich hatte die Sache mit Detlev völlig vergessen all die Jahre. Aber jetzt, wo meine zwölfjährige Patchworkfamilien-Beutetochter Sina in Berlin auf die Oberschule kommt, sehe ich ihn wieder vor mir. Und denke zurück an die unsichtbare Hand, die damals aussortierte und jedem von uns seinen künftigen Platz zuwies. Jene aus meiner 4c, bei denen es fürs Gymnasium nicht reichte, verflüchtigten sich mit dem letzten Grundschultag aus meinem Kinderleben. Die meisten habe ich nie wiedergesehen. Marion nicht, die davon überzeugt war, dass auf Bundesstraßen nur der Bundeskanzler fahren darf. Friedhelm, dem sich die Division einfach nicht erschloss. Oder Michael, dem zu jeder Jahreszeit dicker Rotz aus der Nase lief. Ich trauerte ihnen nicht nach, fragte auch nicht, warum die Kinder aus dem Heim samt und sonders auf die Hauptschule kamen. Dass die Pfiffigen woanders unterrichtet werden als die Schwerfälligen, fand ich in Ordnung.

Etwa eine Million Kinder in Deutschland erleben in diesen Wochen erstmals hautnah, was Auslese bedeutet. Über ihre zukünftigen Chancen wird befunden, und ein Stück kindlicher Unschuld geht dabei verloren. Der Weg auf die Oberschule ist heute ein Stück harte Arbeit. In einer Großstadt wie Berlin wird zweifellos besonders verbissen geplant, erkämpft, herbeigebangt und herbeigestraft. Sogar Gottes Hilfe wird zuweilen beansprucht. In Sinas Klasse bitten manche Kinder beim morgendlichen Gebet vor dem Unterricht, das Schreiben mit der Zusage für ihre Wunsch-Oberschule möge doch endlich eintreffen. Traurig schleichen sich jene zum Unterricht, bei denen eine Absage im Briefkasten steckte. Oder deren Eltern von der Klassenlehrerin erfahren haben, dass die Noten leider nur für die Realschule oder die Gesamtschule reichen.

Monatelang lagen die Eltern von Sinas Klassenkameraden im Oberschul-Fieber. Schwer lastete das Thema über Bowling-Nachmittagen, Tupper-Partys und Elternabenden. Mit Schreibblöcken bewaffnet, zogen wir von einem Infoabend zum nächsten und notierten eifrig, was die Oberstudiendirektoren über ihre Schulen zu berichten hatten. Tage der offenen Tür wurden Samstag für Samstag abgearbeitet, Internet-Seiten studiert, Freunde und Kollegen befragt.

Oft blieb zum Schluss die Wahl zwischen zwei, drei oder vier guten Schulen – doch die Angst, etwas falsch zu machen, wollte einfach nicht weichen. In unserem individualisierten Zeitalter, in dem sich nichts mehr von selbst ergibt, sind wir ständig aufgefordert, an unseren Biografien zu arbeiten. Für unsere Kinder treffen wir Eltern noch jene Entscheidungen, die sich als Spuren in ihr weiteres Leben fräsen werden. Wir sind ihres Glückes Schmied.

Haben sich meine Eltern damals auch so viele Gedanken gemacht?

Aber machen wir das auch richtig? Wie steht es um den Ruf der favorisierten Schule? Ist sie möglicherweise zu streng? Oder zu lasch? Herrscht Disziplin? Gab es nicht Berichte oder Gerüchte über Schlägereien und Drogen? Wie hoch ist der Ausländeranteil? Könnte die Bemerkung "vorlaut und frech" in Julias Zeugniskopf für die Aufnahme am Privatgymnasium problematisch sein? Muss Tim künftig Bus fahren und an einer Haltestelle umsteigen, die in einem sozialen Brennpunkt liegt?