Die Nachrichten aus Nürnberg machen derzeit in Berlin wenig Freude. Nicht nur, weil sich kaum Besserung am Arbeitsmarkt zeigt und immer noch mehr als 4,5 Millionen Menschen ohne Job sind. Sondern auch, weil der neue Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, negative Schlagzeilen macht. Der Vorwurf: Als Mitbegründer und Finanzchef des Heppenheimer Unternehmens Micolog Logistics habe er im Februar 2002 zugestimmt, dass rund zwanzig Lagerarbeiter ein Wochenende lang Inventur gemacht und dafür unter der Hand bezahlt worden seien. Schwarzarbeit also. Stimmt das, was Augenzeugen dem Handelsblatt gegenüber erklärten? Weise bestreitet die Tat.

Nach der Ablösung von Florian Gerster vor gerade mal zwei Monaten war dessen damaliger Stellvertreter Weise der Konsenskandidat. Auf ihn konnten sich nicht nur Arbeitgeber und Gewerkschafter im Nürnberger Aufsichtsrat, sondern auch Regierung und Opposition in Berlin einigen. So kommen die Vorwürfe nun allen ungelegen.

Normalerweise wären die Schlagzeilen ein gefundenes Fressen für die Opposition. Karl-Josef Laumann, Arbeitsmarktexperte der CDU, sieht die Vorfälle jedoch gelassen. In seinem Wahlkreis höre er häufig solche Dinge. "Ich bin ein Mann, der mitten im Leben steht", sagt er. "Schwarzarbeit ist in allen Schichten verbreitet. Und es gibt – bis auf die Großindustrie vielleicht – keinen Betrieb, wo das nicht mal vorkommt." Wer sich an der BA-Spitze einen Mann aus der Wirtschaft wünsche, müsse mit so etwas rechnen. "Wenn das ein einmaliger Vorfall war, hänge ich das niedrig", sagt Laumann. Frank-Jürgen Weise ist CDU-Mitglied.

Zwar beteuern Regierung und Opposition, dass die Angelegenheit so schnell wie möglich geklärt werden müsse. Andererseits steht der Bundesagentur ohnehin ein schweres Jahr bevor. Der Umbau des Mammutbetriebs mit seinen 80000 Mitarbeitern ist noch längst nicht abgeschlossen. Und bei der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe fällt der BA eine tragende Rolle zu. "Das ist das größte Reformvorhaben, das in dieser Legislatur ansteht", sagt der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD, Klaus Brandner. "Um das zu schultern, brauchen wir Leute mit Managementfähigkeiten." Und die besitzt Weise zweifellos.

Die Regierung wünscht sich, dass in Nürnberg konzentriert und ohne Irritation an den anstehenden Aufgaben gearbeitet wird. Andererseits: "Wenn Weise tatsächlich von der Schwarzarbeit gewusst hätte, wäre das aus meiner Sicht äußerst problematisch", sagt Brandner. "Die Menschen in dieser Gesellschaft müssen wissen, dass wir dem ohne Ansehen der Person nachgehen." Rund 370 Milliarden Euro werden in diesem Jahr in Deutschland schwarz erwirtschaftet – das kostet Arbeitsplätze. Wilhelm Adamy, der Ursula Engelen-Kefer im BA-Verwaltungsrat vertritt, beklagt deshalb die "weit verbreitete Doppelmoral". "Schwarzarbeit wird allzu häufig als Kavaliersdelikt gesehen", sagt er. "Wir müssen diese Frage ernster nehmen. Ob wir aber gegebenenfalls an Weise ein Exempel statuieren sollten, ist eine andere Frage."

So wäre es allen das Liebste, wenn der Fall nicht weiter Furore machte. "Wenn Weise allerdings Sozialdemokrat wäre, hätten wir jetzt eine ganz andere Situation", sagt Brandner. "Dann würde die Opposition das hochkochen und versuchen, Kapital daraus zu schlagen."