Die Welt steht am 23. April vor einem Dilemma. Sollte die Menschheit an diesem Tag lieber ein Fass aufmachen oder einem Vorleser lauschen? Trinken oder lesen? Schwierig. Denn an diesem Freitag ist nicht nur Weltbuchtag, sondern auch der Tag des Bieres.

Es wird eng auf dem Kalender der Gedenktage, so eng, dass sich Bier und Buch einen Tag teilen müssen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendetwas gedacht wird. Gleich nach dem Bier-Buch-Tag folgen Tage des Baumes, des geistigen Eigentums, der Tag gegen den Lärm und der Welttanztag.

All dies kann sich natürlich niemand merken. "Man muss sich fragen, ob die Anzahl der Tage überhaupt noch Sinn ergibt. Die Masse entwertet jeden einzelnen Tag", sagt sogar Ulrich Keller von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen. Dabei sind die Vereinten Nationen die fleißigsten Verkünder von Welttagen. Mit dem ersten, dem United Nations Day, gab man sich 1948 selbst die Gründungsehre und empfahl den Mitgliedsstaaten, jenen 24.Oktober als Feiertag auszurufen: Doch die Welt blieb stumm – nur Mikronesien gibt an diesem Datum seinem Volk frei.

Es folgte Huldigung auf Huldigung, bis heute. Alleine im vergangenen Jahr benannten die Vereinten Nationen vier neue Welttage: zu Ehren des öffentlichen Dienstes, der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung, der UN-Friedenstruppen und der Berge. 2004 kam bereits der Antikorruptionstag hinzu.

Über den Sinn der einzelnen Gedenktage wollen die Vereinten Nationen nicht diskutieren. "Das Generalsekretariat grübelt nicht über den Nutzen der Tage", erklärt Farhan Haq vom New Yorker Hauptquartier: "Der Gedenkkalender repräsentiert die Ziele der 190 Mitgliedsstaaten." Und die sind ganz versessen darauf, ihre nationalen Jahrestage als Welttage adeln zu lassen.

Die Regierungen der Mitgliedsländer können Gedenktage beantragen – bei allen Sonderorganisationen der Vereinten Nationen, meistens bei der Unesco oder der Weltgesundheitsorganisation. Abgestimmt wird dann bei Generalversammlungen – meist ohne viele Gegenstimmen. "Kein Staat vergibt sich schließlich etwas, wenn er dem Anliegen eines anderen Landes zustimmt. Darauf will niemand einen Konflikt beschwören", sagt Dieter Offenhäußer von der Deutschen Unesco-Kommission.

So konnte sogar das Fernsehen zu einem eigenen Welttag kommen. Zum Abschluss des ersten Weltfernsehforums 1996 beschlossen, sollte er den weltweiten Austausch von Fernsehprogrammen fördern und an jedem 21. November daran erinnern. Doch ist der Tag nicht einmal den Pressestellen der Sender ein Begriff. Auch veraltete Tage wie der Antikolonialtag oder der Weltfernmeldetag dürfen weiterexistieren. 58 feierliche Anlässe feiert der Kalender der Vereinten Nationen inzwischen. Zählt man die Tage mit, die andere Organisationen weltweit ausgerufen haben, kommt man auf weit über hundert.

Denn auch Initiativen, Vereine und Interessengruppen zelebrieren regelmäßig ihre Tage. So fordert die Deutsche Gesellschaft für Akustik am 28.April, dem Tag gegen Lärm, dazu auf, von 14.15 Uhr an 15 Sekunden lang Ruhe zu bewahren.