Aufwachen
Der Wecker läutet. Ein hochtönendes Klopfen, wie Funkzeichen, die man auf den Radios der Kindheit auf Langwelle hörte. Einen Augenblick später beginnen im Nebenzimmer die Bassfiguren von Saturday Night Fever zu stampfen. Meine Tochter lässt sich musikalisch wecken. In Dunkelheit und Tonchaos sucht mein noch beinahe bewusstloses Ich seinen Körper, es sucht die Hand, die unterm Kopf gelegen hat, gleitet über das schlafbetäubte Gesicht. Dieses ist rau wie Sandpapier oder ein Granitkiesel an einem Felsenstrand. Ein schönes Gefühl. Fünfzehn Minuten später beseitige ich dennoch seine Ursache.

Von den seit Jahrhunderten vollbärtigen orthodoxen Juden abgesehen, verweigern sich nur wenige weltliche Milieus und Berufszweige dem Zwang zur Glätte: die versprengten Reste der ostdeutschen Bürgerbewegung, Fischer und Seeleute und allerlei Künstlervolk. In der Welt der Angestellten und des Managements fällt ein Bart dagegen auf. Vollkommen exotisch aber ist der Zustand der "Unrasiertheit" geworden - er ist den Momenten des Aussteigens "fern der Heimat" vorbehalten. Trotzdem wäre es unredlich, das Rasieren nur als einen lästigen hygienischen Akt zu denunzieren. Denn das Schabgeräusch des Messers, das in einem Augenblick Tausende von Haaren kappt, ist auch eine Glücksmelodie, voll heimlichen Stolzes auf dies ewige Nachwachsen von Leben. Du rasierst dich, also lebst du.

Sich erinnern
Vor hundert Jahren, 1904, packte der Erfinder King C. Gillette in New York resigniert seine Koffer, um sich mit Familie nach England einzuschiffen. Als er von den USA Abschied nahm, hatte seine ein Jahr alte Kleinfirma gerade einmal 51 Stück "Sicherheitsrasierer" und 168 Wegwerfklingen verkauft. Eineinhalb Jahre später rauchten in Boston die Schornsteine Tag und Nacht, und ein Schild auf dem Dach verkündete stolz, hier arbeite die größte Rasierapparat-Fabrik der Welt. Gillette war zurückgekommen, und seine jahrealte Idee war über Nacht ein Massenerfolg geworden. Im November 1904 schützte das US-Patentamt unter der Nummer 775 134/35 new and useful improvements in razors, neue und nützliche Verbesserungen von Rasierklingen. Siebzehn Jahre lang hatte Gillette eine Lizenz zum Gelddrucken. Die USA traten in den Weltkrieg ein, die Regierung bestellte 3,5 Millionen Apparate für die Armee. Als der Krieg vorbei war, hatte sich das neue Prinzip durchgesetzt, der Barbierberuf verschwand.

Der Siegeszug der Wegwerfklinge zerstörte eine Welt der Freuden wie der Leiden: das intime Verhältnis von Barbier und Kunden - und mit ihm die Rasur als Topos der Kommunikation. Auch die Gefahr, in die sich Ungeschickte mit dem Messer bringen konnten, geriet in Vergessenheit. Gillettes Idee öffnete neue Märkte, und Märkte riefen Konkurrenz hervor. Seit den zwanziger Jahren wurde um die Sympathie der Männer gekämpft, mit Werbemitteln, die schon zu Beginn ein Viertel bis die Hälfte der Produktionskosten betrugen. Mit der Elektrifizierung der Haushalte kam im Gefolge der Staubsauger der elektrische Rasierapparat. Diesen Angriff auf das segensreiche Wegwerfprinzip konterte die Klingenindustrie, nach Verdrängungsprozessen angeführt nur noch von Gillette (USA) und Wilkinson (England), durch technische Fortschritte, die immer schärfere Klingen für immer größere Glätte versprachen. Wilkinson erfand 1962 die rostfreie Klinge, Gillette reagierte mit Platin- und Chrombeschichtung. Aus der Halbleitertechnik stammt die Methode, unter gewaltiger elektrischer Spannung diamentähnlichen Kohlenstoff auf extrem dünne Klingen zu dampfen. Ingenieure erforschten den Druck auf die Haut, tüftelten an Schneidewinkeln und erfanden 1971 die "Hysterese", das fließbandähnliche Mehrfachschneiden der Barthaare durch erst zwei, dann drei, schließlich vier parallel gelagerte Klingen.

Nicht dieser High-Tech-Exzess, sondern ein tiefer kultureller Wandel stimulierte den weiteren Boom des Nassrasierens. Der entscheidende Marktdurchbruch gelang bei den Frauen der westlichen Welt. Sie rasieren sich heute mit der gleichen Selbstverständlichkeit die Achselhöhlen und Beine wie Männer die Wangen. Je nackter die Körperleitbilder, desto mehr wird der Körper zur Skulptur, deren Oberfläche rein gehalten werden muss. So wie die klassische Aktmalerei darauf verzichtete, Schamhaare abzubilden, so verdrängt das zeitgenössische Ideal nun alle Körperhaare mit Ausnahme des Kopfhaares. Wieder waren die USA Trendsetter. Inzwischen sind Rasierapparate für Frauen zu Handschmeichlern geworden, weibliche Körperformen zitierend, und in Farben, welche die Boudoirpalette widerspiegeln: Lichtblau, Pink, CrŠme. Und das Vordringen der androgynen Images in die Werbewelt mag ein Grund dafür sein, dass auch ein wachsender Teil der jungen Männer zur Ganzkörperrasur übergeht. Das Leitbild der grau behaarten Männerbrust … la Hemingway ist jedenfalls endgültig dahin.

Rasieren
Die erste Rasur ist vielleicht der letzte Initiationsritus. Im Ideal wird der Jüngling dabei vom Vater unterwiesen. Aber wie bewältigten dies vaterlose Waisenkinder, wenn das Datum in die fünfziger Jahre fiel und Lebensberatung allenfalls von älteren Schwestern kam? Rasierklingen gab es wohl, ohne Apparat, im Nähkasten. Auf einen Korken gesteckt, wurden sie zu naturwissenschaftlichen Forschungsinstrumenten, die wir in den Biologiestunden zur Zerlegung von Tulpenblüten verwendeten. Es war jene Annäherung an das Geheimnis der Fortpflanzung, die man im Bayern der Fünfziger gerade noch für hinnehmbar hielt. Das sekundäre Geschlechtsmerkmal Bartwuchs, von dem Schopenhauer sagt, er werde wegen seiner offenkundigen sexuellen Konnotation von Frauen gerne betrachtet, erschien kurz nach der Konfirmation, Schopenhauer hin oder her, als Flaum noch irgendwie lächerlich. Im Friseurladen an der Ecke, der noch das alte Wahrzeichen, die chromglänzende Barbierschüssel, über der Tür hatte, kaufte ich meinen ersten Rasierapparat. Wie man mit dem billigen Ding umging, leidlich ohne Wunden, das lernte ich von einem jungen Mann aus der Nachbarschaft. Gespriesen sei er, Angelos, Gaststudent aus Griechenland! Er trug eine Baskenmütze, besaß eine Pfeife und war immer exzellent rasiert. Er hat mir sämtliche Krawattenknoten beigebracht, auch das freihändige Binden von Fliegen, die Pflicht, nur den mittleren Jackettknopf zu schließen, und die nie zu lösende Frage, ob die lange Hose ganz gerade oder doch mit einem leichten Knick auf die Schuhe stoßen soll, als grundsätzliches Problem verdeutlicht.

Mit den sechziger Jahren verlor sich dieser Ethos der Eleganz; in meinem Leben machte sich modische Desorientierung breit. Achtlosigkeit war angesagt, man ließ sich einen Bart stehen oder ging wenigstens zum elektrischen Rasieren über, was auf verwickelte Weise gleichfalls die angebliche Wichtigkeit der Rasur schmälerte. Den elektrischen Rasierapparat, ein faustkeilartiges Ding, konnte man an Wangen und Hals reiben, ohne viel nachzudenken. Wer sich nicht schneiden kann, für den entfällt auch der konzentrierte Blick in den Spiegel. Und vollends überflüssig wurden die Vergrößerungsspiegel, in denen man dem eigenen Gesicht in der Monumentalisierung der Cinemascope-Kamera begegnete.