Es ist nicht bekannt, ob Rembrandt ein Nachtschwärmer war. Jedenfalls hat er sich mit der Nacht beschäftigt, und die Nachtwache wurde eines seiner bedeutendsten Werke. Eigentlich trug das Bild den Titel Kapitän Frans Banningh Cocq gibt seinem Leutnant den Befehl zum Abmarsch der Bürgerkompanie. Und wenn sich in Amsterdem heute eine Gruppe von vier Frauen und vier Männern "Nachtwache" nennt, dann ist es ein wenig, als wollten sie den Politikern der niederländischen Hauptstadt den nächtlichen Abmarsch befehlen. Die Nachtwache kümmert sich um die Belange und Vorlieben der Nachtschwärmer, weil "Politiker nichts von der Nacht verstehen", wie es Joost van Bellen sagt. "Sie gehen um 22 Uhr nach Hause, schließen die Tür ab und kommen morgens um 7 Uhr wieder heraus. Was dazwischen passiert, wissen sie nicht." Joost van Bellen ist DJ mit fast dreißig Jahren Ausgeh-Erfahrung. Im Februar 2003 wurde er als einer der acht Nachtbürgermeister für drei Jahre von Amsterdams Einwohnern gewählt. Die Regenten sind zwischen 31 und 49 Jahre alt, im Hauptberuf Künstler oder Soziologen oder Clubbesitzer.

Amsterdam genießt unter Flaneuren einen guten Ruf. Es zählt neben London, Paris und Barcelona zu den Ausgehmetropolen. Doch die Stadt, in der einst tütendicke Joints wie Schornsteine qualmten, hat sich verändert. Wie New York oder Hamburg ist sie bemüht, schmuddelige Ecken aufzuräumen. Die Coffeeshop-Höhlen in der Kaizers- und Prinsengracht strahlen heute in Sienarot und spucken nicht mehr Backpacker mit Wollsocken, sondern Banker in Nadelstreifenanzügen aus. Selbst im Rotlichtviertel wird nach neuen Einkünften gesucht. Wer besucht noch ein Mädchen, wenn 20 Japaner aufgeregt jede Bewegung auf Digicam dokumentieren?

Amsterdams Tourismus hat das Jahr 2004 dem Thema "Architektur und Design" gewidmet, die Grachtenmetropole vermarktet sich nun als "Kapitale von Kreativität und Inspiration". Architekten und Designer wie Rem Koolhaas und Marcel Wanders werden gefeiert, statt plüschiger Hausboote gibt es maritime floating homes, und die Grachtengemütlichkeit wird durch moderne Appartements über dem Hafen komplettiert. "Alles gut und schön", findet Joost van Bellen, "aber die ersten zwei historisch belegten Gebäude Amsterdams waren ein Gasthaus und ein Bordell. Die Stadt wirkte wegen ihrer besonderen Mischung aus Sex und Drogen wie ein Magnet. Mit der neuen Entwicklung wird Amsterdam nicht mehr hip, sondern einfach zu teuer sein."

Junge Szeneleute haben es inzwischen schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Neue Appartements mit Wasserblick kosten an die 500.000 Euro, auch Hotels in der Innenstadt sind mit durchschnittlich 100 Euro pro Zimmer kein Schnäppchen mehr. Während Berlin dem Underground mit billigen Mieten Chancen gibt, bangt die Amsterdamer Szene um ihre Stilgeber. Sie verlassen die Stadt, und zurück bleiben jene, die Trends absorbieren. Ein Publikum für die neuen Design-Clubs, die sich wie im edlen Stockholm mit Arne-Jacobson- oder Philippe-Starck-Möbeln einrichten und über hohe Eintrittspreise refinanzieren. "Dann lieber einen Club in Berlin", sagt Joost van Bellen, "der zwar wie ein Desaster aussieht, aber die Preise niedrig hält."

Faire Getränkepreise, freie Kondome in Gastronomiebetrieben – auch das gehört zu den Themen der Nachtbürgermeister. Einmal wöchentlich tagen die Nachteulen an der Amstel 2. Interessierten steht jeden Donnerstag von 21.30 Uhr an der dritte Stock offen. Im Erdgeschoss verkauft ein Geschäft mit trüben Schaufenstern Diamanten, im zweiten findet sich ein Chambre séparée , das Restaurant Inez und im dritten ein Speicher. Einen offiziellen Raum besitzen die Nachtbürgermeister nicht, ebenso wenig werden sie für ihre Arbeit bezahlt. Antrieb sei die Liebe zur Stadt, sagt die Soziologin Anne Hemker, nicht zuletzt deshalb, "weil wir einen genaueren Blick in die Szene haben" als hoch dotierte Marketing-Manager. "Die jungen Amsterdam-Besucher haben sich verändert, sie hängen nicht mehr stoned in den Coffeeshops herum, sie leihen sich Räder, besuchen moderne Museen und suchen abends nach den besten Clubs", heißt es in der Nachtnota, einem Buch, das die Nachtwache jüngst veröffentlicht hat. Die 60-jährigen Kulturtouristen von heute seien schließlich nicht die Besucher von morgen.

An diesem späten Abend sind die Nachtbürgermeister zu einer Buchpräsentation ins Cineac eingeladen. Das Publikum trägt dunkle Anzüge und feiert Duncan Stuttenheim. Ein Anfangdreißiger, der aussieht wie Tom Cruise und einer der Mitbesitzer von ID&T, einer der größten Dance-Companies Hollands, ist. Die Menschen wirken trendy, aufgeräumt, keine Spur von Hippies auf LSD oder zuckenden Teenies, voll gestopft mit Ecstasy. Drogenfreie Zonen sind in den Clubs angeordnet und müssen von den Besitzern eingehalten werden. "Es ist heute einfacher, für einen El-Al-Flug nach Tel Aviv einzuchecken, als in einen Club wie das Amuse oder das Paradiso hineinzukommen", beschreibt Joost van Bellen den strikten Personencheck vor den Diskotheken. Die Szene hundertprozentig drogenfrei zu halten erscheint angesichts der 280 Coffeeshops in der Stadt dennoch ein aussichtsloses Unterfangen zu sein. Selbst in honorigen Hotels an der Prinsengracht liegen Magazine wie das Boom! aus, in denen die besten Coffeeshops gelistet werden.

Spät in der Nacht erscheint Fabiola, ein lebendes Gesamtkunstwerk. Jeder kennt sie in Amsterdam, sie gilt als Ikone des Nachtlebens. Mit rotem Hut und lackierten Nägeln ist sie heute unauffällig gewandet. Man sieht sie gewöhnlich als Mrs. Plastic Bombastic, in bunte Folien gehüllt oder mit einer Fahrradklingel als Ring, wenn sie sich für die Obdachlosen einsetzt. Durch die Nachtbürgermeister habe sich einiges bewegt, sagt Fabiola, die Leute seien sensibler geworden, man spreche miteinander, tausche sich aus, und die Argumente fänden sogar ein Ohr in der Stadtpolitik. Es wurden Clubs eröffnet mit neuen Ideen und das gebe Hoffnung. Und zwar so viel, dass vielleicht künftig ein Lokal mit 1000 Ausgehwilligen nicht mehr durch ein Veto von zwei Anwohnern schließen muss.

Für die Wartenden vor der Diskothek Chemistry im Club Escape zählt im Moment nur eines: Sie wollen rein. Etwa 500 Leute drängen sich vor der Tür, 1500 verteilen sich innen. J.-Lo-Look mit teuren Brillen, für die die Teenies jede Menge Klos im Golden Tulip schrubben mussten. Die ersten ziehen weiter. Amsterdam zählt 1577 Cafés und 36 Clubs – die meisten befinden sich im Zentrum, eingeschlossen wie von einem Gürtel durch die Singelgracht. Im Winston Club, den die Nachtbürgermeister für sein kreatives Event-Programm loben, prostet sich zwischen Glamour und Glitzer die Medien- und Kulturszene zu, während der brandneue Zyon-Club, eine der hoffnungsvollen Neueröffnungen, Erdbeerrot leuchtend Themennächte, Akrobaten und Ballett einbezieht und sogar montags Programm bietet, wenn zwar nicht der Holländer, aber der Tourist noch ausgehwillig ist.