Marc Buchmüller, 29, Shanghai

Am Anfang, als ich gerade von Heidelberg nach Shanghai gezogen war, hatte ich in China Schwierigkeiten damit, dass ich mich nie zurückziehen konnte. Täglich passierten Dinge, die ich gerne in aller Stille verarbeitet hätte. Es waren aber überall Menschen: auf dem Campus, wo ich wohnte, beim Fahrradfahren in Zehnerreihen, in den voll gepackten Bussen. Mein 15-Quadratmeter-Zimmer im Ausländerwohnheim teilte ich mit einem zweiten Deutschen, das war absoluter Luxus: Die chinesischen Studenten wohnen zu sechst oder zu acht. Im Wohnheim hatten wir Aufseher, die uns offiziell beschützten, zugleich aber da waren, um uns im Auge zu behalten. Verdächtig war zum Beispiel, mit dem eigenen Laptop im Internet zu surfen. Oder mit chinesischen Freunden spät abends auf der Bude zu sitzen. Unsere Sittenwächter platzten auch unangemeldet ins Zimmer, manchmal in sehr private Situationen.

Vor sechs Jahren war ich als Europäer noch etwas Besonderes in Shanghai. Auf der Straße zeigten die Leute mit dem Finger auf mich und riefen: "Ausländer!" Wenn ich außerhalb der großen Städte auf Reisen war, berührten die Menschen manchmal meine weiße Haut und schossen Familienfotos mit mir.

Im Supermarkt für Importartikel beobachteten die Chinesen genau, was ich in den Einkaufswagen legte, um es mir gleichzutun. Als ich einmal ein amerikanisches Haarshampoo gegen ein anderes austauschte, taten mindestens zehn Frauen um mich herum dasselbe. Als ich mich noch einmal umentschied, liefen sie alle wieder zum Regal. Das ist heute anders. Die Chinesen haben sich an uns Fremde gewöhnt und an viele unserer Produkte auch. Zum Beispiel bekommt man überall deutsches Bier, das hier in Lizenz gebraut wird. Das Essen ist aber original chinesisch, sehr schmackhaft und zum Teil kurios: Ich habe unter anderem Schlange, Entenzungen, Hühnerfüße und Schweinekopfsuppe probiert.

Damals reichte schon mein westliches Gesicht, um mich ins Fernsehen zu bringen: Als ich auf einer Uniparty Gitarre spielte, sprachen mich Chinesen an, ob ich nicht Lust hätte, auf einem Volksmusikfestival aufzutreten. Dort gab ich dann tatsächlich eine Schnulze auf Chinesisch zum Besten. Das Festival wurde im Fernsehen ausgestrahlt, an der gesamten Ostküste, also vor potenziell 300 Millionen Zuschauern. Wenig später mischte ich dann in einer Seifenoper im Fernsehen mit. Sie spielte zur Zeit der letzten kaiserlichen Dynastie. Ich gab den britischen General Gordon und kämpfte gegen aufständische chinesische Christen. Nach einem Auftritt sind mir sogar einmal ein paar kreischende Mädchen auf der Straße hinterhergelaufen. Sie wollten Autogramme von mir.

Die Chinesen hier machen die Dinge viel spontaner als Deutsche. Schaut man einen Tag nicht aus dem Fenster, steht schon ein neues Hochhaus da. Auch die Geschwindigkeit, in der die Menschen Freundschaft schließen, finde ich atemberaubend. Selten ist es eine aufgesetzte Freundlichkeit aus Geschäftsabsichten. Die meisten Leute sind sehr offen und gastfreundlich. Sie haben eine große Neugier, mit Ausländern in Kontakt zu kommen.

Als mir meine Freunde in Deutschland nach der Rückkehr die obligatorische Frage stellten: "Na, wie war es in China?", fiel mir oft nichts Besseres ein als "krass" oder "extrem".