Die Sache passierte vergangenen Sommer. Es war das erste Mal, dass ich Bewerbungsfotos brauchte. Ich war nervös. Ich hatte gehört, dass Personaler mehr aus Fotos herauslesen können als Kunsthistoriker aus dem Porträt der Mona Lisa: Einem attraktiven Bewerber sehen sie sofort an, dass er intelligent und kreativ ist. Und männlich wirkenden Frauen schreiben sie hohe Chefqualitäten zu.

Beunruhigt begutachtete ich meine Karrierechancen im Spiegel: Mein energisches Kinn konnte es sicher in eine Führungsposition schaffen. Aber meine Stupsnase sah schwächlich-feminin aus und damit nach Dauerpraktikantin. Ich begann, unsicher zu werden. Kleine Schweißperlen erschienen auf meiner Stirn. Schwitzen ist zwar eine eher männliche Eigenschaft, aber keine attraktive. Meine Panik wuchs.

"Die Klimaanlage ist leider ausgefallen", verkündete der Fotograf im sommerlich warmen Studio und stäubte mir eine dicke Puderschicht ins Gesicht. "Sie dürfen sich auf keinen Fall auf die Hitze konzentrieren. Stellen Sie sich etwas Kaltes vor!" Ich dachte an das Meer; dann aber fiel mir der Wal aus Free Willy ein – und dass sein Körper immer glänzte, als schwitze er schrecklich. Ich spürte, wie Puderbächlein über mein Gesicht rannen; sich auf meiner Nase sammelten; tropften. Wenn es so weiterging, konnte ich mich mit den Fotos allenfalls für die finnischen Saunameisterschaften bewerben. Allmählich wurde auch der Fotograf nervös: "Ach Gottchen, das zerfließt alles in Ihrem Gesicht!"

"Ich weiß!", fauchte ich. Mir wurde immer heißer vor Scham. "Und jetzt kriegen Sie auch noch hektische rote Flecken am Hals!" So weit war es also gekommen: Ich war nicht nur schweißinkontinent, sondern zudem gebatikt. Um mein Foto zu analysieren, würden die Personalabteilungen ihr Interpretationsschema erweitern müssen.

"Herrje, Sie schwitzen ja immer stärker, das verpatzt das ganze Bild!" Der Fotograf verstäubte Puder im Studio wie ein schwules Sandmännchen: "Ziehen Sie mal Schuhe und Socken aus, so kommt Luft an die Füße!" Der Steinboden unter meinen Fußsohlen verschaffte mir Kühlung, zwei Schnappschüsse lang. Dann glänzte mein Gesicht wieder. "Lassen Sie den Blazer weg, wir fotografieren Sie nur in der Bluse." Ich triefte noch immer. "Vielleicht sollten Sie auch die Hose ausziehen?" Ich schlüpfte aus den Jeans. Plötzlich ahnte ich, warum manche Frauen ihren Bewerbungen Aktfotos beilegen: Weil sie keine anderen haben. Wenigstens schien der Fotograf solche Auftritte gewohnt zu sein. Aber wie sollte ich mich beim Vorstellungsgespräch verhalten? Würde man mich eher einstellen, wenn ich die Hose runterließ – oder mich bekleidet, aber als menschlicher Niagarafall präsentierte?

Eine kühle Brise umspielte meine Beine; die Schweißdrüsen versiegten. Auf den Fotos wirkte mein Lächeln schließlich sogar, trotz der erhitzten Atmosphäre, eher frostig. Seit diesem Tag aber finde ich, dass Personaler falsch mit Bewerbungsfotos umgehen: Sie sollten nicht darüber nachdenken, was zu sehen ist. Sondern darüber, was nicht.