Diese Reise: Sie war lang, sie war weit, sie ist vorbei. Tausende Kilometer hat das Wirkstoffpulver zurückgelegt, um zur Tablette zu werden. Zweimal den Atlantik überquert, drei Fabriken passiert. Es wurde zermahlen, vermischt, verwirbelt. Dann getrocknet, zusammengedrückt und beschichtet. Und nun verlässt die fertige Arznei das endlose Schacht- und Kübelsystem der Plankstädter Medikamentenfabrik. Im Trommeltakt prasseln die Tabletten aus einem Vorratstrichter aufs Laufband, von dem sie in die Näpfchen eines dünnen, endlos langen Plastikstreifens tropfen. Sekunden später verschwinden sie luftdicht verschweißt unter Alufolie und rotieren um eine große Trommel. Mit einem blechern hackenden Knallen stanzt die Maschine schließlich einzelne Portionen des Medikaments Casodex aus, die dann zur Packmaschine weitersausen.

Ein Mann hat die Maschinenstraßen immer im Auge: Anton Woderer, 57. Er ist Leiter dieser Abteilung, die offiziell "Konfektionierung" heißt. Sein Job ist es, die Arbeit zu koordinieren und zu überwachen. Woderer kennt jeden Arbeitsschritt, er weiß, warum Greifarme greifen, Trommeln rotieren, Stanzen knallen.

Während seines Pharmaziestudiums in den sechziger Jahren absolvierte Woderer Praktika in Pharmabetrieben und hielt später auch mal Vorlesungen an der Uni. Die Lust am Management kam ihm schon damals: "Wenn man jedes Semester neue Studenten hat, dann gewinnt man automatisch ein Gespür für Personalführung."

Seit 23 Jahren ist Woderer in Plankstadt angestellt. Ein Szenario ängstigt ihn noch immer: dass Arzneien in die falschen Packungen kommen. Die Folgen wären verheerend, man müsste sämtliche Schachteln zurückrufen. Und er wäre für alle Folgen verantwortlich, die durch die Einnahme der vertauschten Medikamente entstünden. Doch der Konjunktiv zeigt: Es ist ihm noch nicht passiert.

Plankstadt ist einer von zwei Produktionsstandorten des Pharmakonzerns AstraZeneca in Deutschland. Casodex, ein Mittel bei Prostatakrebs, wird hier seit zehn Jahren produziert. Der lange Weg von der Idee bis zur Arznei beginnt jedoch in Großbritannien. Dort, in Alderley Park, steht das Entwicklungszentrum für Onkologiepräparate von AstraZeneca. Forscher arbeiten hier ständig an neuen Wirkstoffen. Und auch der noch unreine Wirkstoff von Casodex, Bicalutamid, wird dort hergestellt. Um ihn für den eigentlichen Produktionsprozess in Deutschland vorzubereiten, muss er von Fremdsubstanzen getrennt werden. Deshalb wird er von Großbritannien in großen, schwarzen Blechtonnen nach Puerto Rico geflogen; dort befindet sich die Wirkstoffreinigungsanlage für Casodex.

Ab in die Karibik, der Steuer wegen

Die Anlage erstreckt sich über vier Stockwerke und ist fast 20 Meter hoch. Vor allem steuerliche Gründe sind dafür ausschlaggebend, dass die Wirkstoffe in der Karibik gereinigt werden. Im langen, blechernen Giraffenhals des Maschinenungetüms wird der Wirkstoff zentrifugiert, getrocknet und zu feinem Pulver zermahlen, das in Papptonnen rieselt. Mit dem Flieger geht es zurück nach Europa. In Plankstadt bei Heidelberg wird Casodex fertig produziert und abgepackt. Von Mitarbeitern wie Christina Simons, 43.