Till Streichert, 30, Philosoph, Manager bei T-Mobile

Mit der Wirtschaft hatte ich während meines Philosophie-Studiums an der Universität Hannover fast nichts zu tun. Ich sah mich immer als einen Mann der Wissenschaft, hatte auf die Wissenschaftskarte gesetzt. Ich hatte in Boston über Kant promoviert, wollte später Professor werden. Am Ende meines Studiums habe ich bei einem Workshop von McKinsey mitgemacht – mehr aus Spaß denn aus einer besonderen Motivation. Ich sollte dabei Case-Studies lösen. Vom Hocker gerissen hat mich das nicht.

Als ich meine Doktorarbeit im März 2002 abgegeben hatte, war ich auf Jobsuche. Mit einem Schrotschuss bewarb ich mich in viele Richtungen – auch um eine Juniorprofessur. Aber die Einladung zum Vorstellungsgespräch bei T-Mobile kam schneller als die Eingangsbestätigung der Universität. Ich hatte mich als Assistent des Vorsitzenden der Geschäftsführung beworben, zusammen mit ziemlich vielen Betriebswirtschaftlern. Zweifellos war ich dort der Exot.

Im Vorstellungsgespräch fragte mein künftiger Chef mich, was das einschneidendste Erlebnis während meines Studiums gewesen sei. Ich antwortete, die Struktur des ontologischen Gottesbeweises verstanden zu haben. "Können Sie mir das erklären?", fragte er und gab mir dafür drei Minuten. Das habe ich geschafft, er hat mich eingestellt. Ein gutes Jahr war ich Assistent in der Bonner T-Mobile-Zentrale, jetzt bin ich nach London gewechselt und arbeite an der Seite des Geschäftsführers von T-Mobile in Großbritannien.

Mit philosophischen Themen habe ich im Alltagsgeschäft nichts mehr zu tun. Früher beschäftigte ich mich mit Kants affirmativem Begriff der Totalität und mit der Triftigkeit eines skeptizistischen Arguments am transzendentalen Ideal. Heute habe ich gelernt, was Erlang-Stunden sind, nämlich eine Maßeinheit für die Netzauslastung.

Das Tagesgeschäft als Assistent ist rasend schnell: Ich kümmere mich um die Vorbereitung der Termine meines Chefs, bereite Gremien-Sitzungen vor, erstelle Präsentationen, Analysen und Briefings. Dazu gehört auch, Entscheidungen des Chefs in der Organisation umzusetzen. Wenn solche Aufgaben an einen Assistenten gehen, heißt das, dass ein Regelprozess, der etwa Gremien zu berücksichtigen hätte, umgangen wird, um Dinge zu beschleunigen – zum Beispiel unter großem Zeitdruck.

In Deutschland musste ich für meinen Chef auch ab und zu Reden für besondere Anlässe schreiben. Er kam dann an und meinte: "Ich brauche was Intelligentes!" Einen solchen Ruf trägt man als Philosoph eben vor sich her.

Das Tagesgeschäft lernt man im Job am ehesten durch Versuch und Irrtum. Stressig ist das schon. Der Arbeitstag fängt meistens gegen 8 Uhr an und hört oft ziemlich spät auf. Erreichbarkeit im Urlaub gehört dazu. Überlebenswichtig ist in dem Job, wie ich als Philosoph sagen würde, die Fähigkeit zur Reduktion von Komplexität. Daten und Informationen, wenngleich nicht immer die richtigen, hat man meistens in ausreichendem Maße. Daraus die für eine Geschäftsentscheidung relevanten Informationen zu extrahieren ist entscheidend. Trotzdem werden viele Entscheidungen unter Bedingungen der Unsicherheit und mit Vermutungen getroffen. Darunter leidet im Zweifelsfall die Validität der Aussagen. Nichtsdestoweniger macht die Arbeit Spaß: Ich habe das Gefühl, als Person kompletter geworden zu sein. Und gemessen an der Brotlosigkeit der Geisteswissenschaften, sind die Verdienstmöglichkeiten beruhigend gut.