Franziska Wiese, 20, zählt Vögel auf der Insel Neuwerk

Als ich im August hierher kam, war die Insel voll. An die tausend Touristen kamen jeden Tag. Sie schauten fasziniert durchs Fenster, wenn ich gerade beim Mittagessen saß. Im Sommer hat Neuwerk 35 Einwohner. Im Herbst, wenn der Betrieb nachlässt, ziehen sich die meisten zurück aufs Festland; dann sind es noch 15. Im Winter habe ich manchmal eine Woche lang keinen Menschen getroffen.

Mein Bett steht in einer alten Vogtscheune, im Büro des Vereins Jordsand, der sich um den Schutz von Seevögeln kümmert. Ich muss das Haus in Schuss halten. Wenn Besucher auf der Insel sind, biete ich Spaziergänge an und zeige ihnen, welche Vögel es hier gibt.

Alle zwei Wochen zähle ich die Lachmöwen (das a spricht sich übrigens lang), Kormorane und Austernfischer und schicke die Zahlen nach Hamburg. Einmal habe ich sogar einen Löffler gesehen; das ist ein seltener Vogel, groß wie ein Storch, weiß wie ein Schwan, und sein Schnabel sieht aus wie ein Löffel. Das war das beeindruckendste Erlebnis in all den Monaten.

Im Sommer hatte ich mein Pferd Nobody dabei. Der Arme hat Asthma und Neurodermitis, und das Seeklima hat ihm sehr gut getan. Autos gibt es auf Neuwerk nur zwei: einen Müllwagen und einen Bulli der Stadt Hamburg; außerdem ein paar Trecker. Der einzige Laden ist der Kiosk gegenüber. Deshalb lebe ich von Vorräten: von H-Milch und Apfelsaft, Nudeln und Pizza. Ich habe sie bei einem Supermarkt in Cuxhaven bestellt, die Ladung kam dann per Schiff.

Ein Insel-Rundgang dauert eine Stunde. Wenn ich spazieren gehe, singe ich oft – dann fühle ich mich nicht ganz so einsam. Ich habe mich auch schon dabei ertappt, dass ich mit mir selbst rede: "Ach, da ist ja ein schöner Vogel", oder: "Heute haben wir aber ein dummes Wetter." Ohne Fernsehen hätte ich die Zeit nicht so gut überstanden, auch wenn ich hier nur ARD, ZDF und NDR empfangen kann. Und gelesen habe ich so viel wie lange nicht mehr: Harry Potter, alle fünf Bücher, und die drei Bände von Herr der Ringe.

Irgendwann fing ich an, das Alleinsein zu genießen. Bereut habe ich es nie, dass ich mein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf Neuwerk mache. Nach dem Abi gleich an die Uni gehen – dazu hätte ich keine Lust gehabt.