Herr Schmidt, was empfinden Sie persönlich als typisch deutsch?

Nichts.

Sie meinen, wir Deutsche unterscheiden uns nicht von anderen Nationen?

Ich glaube nicht, dass man irgendwelche charakterlichen Eigenschaften als typisch für die Deutschen bezeichnen kann. Man kann einige Eigenarten als typisch für die Oberbayern ansehen; andere sind typisch für die Mecklenburger oder die Hamburger. Aber für die Deutschen insgesamt? Das halte ich für eine unzulässige Verallgemeinerung.

Wir Deutschen gelten als laut.

Das stimmt zwar, aber ist nicht exklusiv zutreffend für die Deutschen. Normalerweise sind die Amerikaner noch etwas lauter und auch die Italiener. Das hat aber nichts mit Anmaßung zu tun, sondern mit dem Geräuschpegel, wenn sie sich unterhalten.

Ist es ein übertriebenes oder zu geringes Selbstbewusstsein, was uns Deutsche auszeichnet?

Auch hier scheue ich mich vor Generalisierungen. Zu Zeiten Wilhelms II. waren einige Deutsche, insbesondere die großen Wortführer, nicht nur laut, sondern sie strotzten auch vor einem aufgeblähten Selbstbewusstsein. Nach 1919 hat sich dies zum Teil ins Gegenteil verwandelt, nach 1935, im Zuge der nationalsozialistischen Erfolge, hat sich das Selbstbewusstsein wieder zu erheblicher Lautstärke gesteigert; aber das galt – in beiden Fällen – wiederum nicht für das gesamte Volk.

Und heute?

Im Augenblick sind die Deutschen in derselben Stimmung wie ich: leicht angekränkelt und infolgedessen schlecht gelaunt.

Schlechte Laune ist oft nah beim Jammern.

Ich kritisiere die unzureichenden Aktivitäten der politischen Klasse in Deutschland, aber Jammern liegt mir nicht.