Kann man gelegentlich von Kampagnen sprechen?

Das kommt vor. Bisweilen greifen Journalisten eine These oder ein Stichwort eines Kollegen auf und breiten dieses in anderen Massenmedien aus. Daraus können Kampagnen entstehen. Ich nenne dergleichen Herdenjournalismus.

Früher war die Kirche ein herausragender Ort zur Vermittlung von Werten. Wie bewerten Sie die Entchristlichung unserer Gesellschaft?

Dass die Kirchen gar keine Rolle mehr spielen und dass konfessionelle Unterschiede völlig unwichtig sind, halte ich für eine falsche Beobachtung. Ich finde auch nicht, dass der Ausdruck Entchristlichung die Gegenwart im Vergleich zu der vorangegangenen Generation oder zu vorangegangenen Generationen wirklich charakterisiert.

Entkirchlichung vielleicht?

Eher. Doch schon meine Eltern, geboren 1888 und 1890, gingen nur einmal im Jahr zur Kirche – zu Weihnachten oder wenn es eine große Kirchenmusik gab, ansonsten kaum. Sie haben sich sicherlich für Christen gehalten, haben uns Kinder konfirmieren und auf diese Weise in die kirchlichen Gewohnheiten des Protestantismus hineinwachsen lassen. Aber sehr tief ging das nicht.

Die Emanzipation der Frau, der enorme Einfluss der Massenmedien – gibt es weitere wichtige Veränderungen für das Leben in Deutschland, etwa die Entstehung einer multikulturellen, auf jeden Fall multiethnischen Gesellschaft?

Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen.

Können Sie das erklären?

Nur so viel: Wenn ich mich an die Namen großer Fußballer meiner Schulzeit erinnere, die hatten polnische Namen wie Szepan und Kuzorra und waren Söhne oder Enkel von Polen, die sich im Laufe von zwei, drei Generationen eingedeutscht haben. Diese Anpassung ist gegenwärtig offensichtlich schwieriger, als sie damals war. Das hängt aber auch mit der Größenordnung zusammen. Wir haben heute in Deutschland einen so hohen Prozentsatz an zugewanderten Ausländern wie nie zuvor, insgesamt acht Millionen. Wenn es 18 Millionen wären, würde die Anpassung nicht mehr stattfinden.

Es gibt Theorien, wonach kein Volk mehr als zwölf Prozent Fremde integrieren kann. Meinen Sie das?

Einerseits hängt es von der Integrationsfähigkeit des Gastvolkes ab. Andererseits ist der Wille der Zuwandernden entscheidend. Leute, die früher aus Polen, Irland oder Hessen nach Amerika emigriert sind, wollten Amerikaner werden. Manche der heute bei uns lebenden Ausländer wollen jedoch keine Deutschen werden. Ich habe zum Beispiel in Bezug auf manche islamische Gläubige, die nach Deutschland gekommen sind, um hier zu bleiben, meine Zweifel, ob ein Austausch mit der deutschen Kultur im Gange ist. Nein, der Ausdruck "Zweifel" ist eine Untertreibung. Der Austausch findet kaum statt.