Die Rache der Hamster – Seite 1

iese Geschichte beginnt mit einem Spaziergang und einem Loch. An einem Sonntag im Frühling, es ist ein schöner Tag, der Himmel ist blau, steigt Holger Hellwig ins Auto, um ein Stück in die Natur zu fahren. Wälder gibt es kaum in der Gegend, und so hält er an einigen Feldern an. Die liegen noch fast brach, im Sommer werden hier Weizen, Zuckerrüben, Kartoffeln wachsen, es ist eine öde Landschaft, durch die er spaziert, die Erde ist nass und saugt sich bei jedem Schritt an seinen Sohlen fest. Holger Hellwig, 33, ist Biologe. Für gewöhnlich erfreut er sich an dicken Faltern, Maulwurfshügeln und Hamsterbauten, darum geht er stets mit flatterndem Blick durch die Landschaft, immer auf der Suche. Er geht über einen Acker, in dem gelbe Pfähle stecken, sie markieren die zukünftige Baustelle eines neuen Autobahnzubringers. Dann sieht Holger Hellwig das Loch. Das Loch ist wenige Zentimeter groß. Ein Tennisball würde gut in die Öffnung passen. Und nicht weit entfernt ist noch ein Loch. "Ach du Schreck", denkt Holger Hellwig. Er eilt nach Hause, und am nächsten Morgen informiert er sämtliche Umweltbehörden, die ihm einfallen.

Ungefähr zwei Wochen später gehen ein paar Männer in Anzügen um eines der Löcher herum. Die Herren murmeln, sprechen, beraten sich. Sie betrachten das Loch. Irgendwann fahren sie wieder weg. Sie werden wiederkommen und noch mehr Männer mitbringen. Von nun an laufen regelmäßig Menschen über das Feld. Sie sehen besorgt aus. Manchmal auch verärgert. Vom Ende des Feldes aus sieht man die ersten Häuser von Mainz.

Mainz hat beinahe 200000 Einwohner, eine herrliche Altstadt, den Dom, den Rhein und das ZDF. Eine Imageanalyse hat ergeben, dass neun von zehn Mainzern gerne hier leben. Die Menschen sprechen einen seltsamen runden Dialekt, und sie feiern viel, selbst wenn die Dinge nicht zum Besten stehen. Mainz hat eine der höchsten städtischen Pro-Kopf-Verschuldungen der Republik. Im letzten Jahr hat IBM den Bau der Speicherproduktion eingestellt, die Firma Schott-Glas hat die Produktion für Fernsehbildschirme nach Tschechien verlegt, und das ZDF hat nach langen Streitereien mit einer Bürgerinitiative beschlossen, seinen Medienpark doch nicht zu bauen. Seit 1991 verzeichnet die Stadtverwaltung hohe Gewerbesteuereinbrüche, die Kleiderpauschale für Mittellose, die Asylbewerber- und die Obdachlosenbetreuung mussten gekürzt werden. Es gibt nur noch wenige Arbeitsplätze für die Menschen, die bei IBM oder Schott am Fließband gearbeitet haben. Darum soll außerhalb der Stadt auf 92 Hektar Land ein hoch moderner Gewerbepark entstehen, hier sollen sich Handwerk, produzierendes Gewerbe, Großhandel und die Messe ansiedeln. Wenn alles gut läuft, könnten am Ende 6000 Arbeitsplätze geschaffen werden. An Feldhamster hat dabei niemand gedacht, an Feldhamster, die vom Aussterben bedroht sind und deshalb schützenswert, so sehr, dass sie einen Gewerbepark glatt verhindern könnten. 70 bis 90 Exemplare hat Hellwig auf dem Baugrund gezählt. Der Boden um Mainz ist besonders reichhaltig, die Lösmächtigkeiten der satten Braunerde reichen von drei bis fünfzehn Metern. So gute Bedingungen findet ein Feldhamster selten. Wiesbaden, nur wenige Kilometer von Mainz entfernt, hat längst nicht so gute Erde, also kaum Hamster, dafür aber viele Kurgäste, Casinobesucher und reiche Bankiers in großen Villen. Sowieso, sagen die Mainzer, scheine es Wiesbaden immer besser zu gehen als ihrer eigenen Stadt.

Holger Hellwig arbeitet für den Landschaftspflegeverband Rheinhessen-Nahe und ist in dieser Funktion einer der obersten Beschützer der Rechte des Hamsters in Mainz. Seit die EU Ende 2001 auf einem europaweiten Kongress ihre neue "Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie" vorgestellt und den Feldhamster auf die Liste der besonders zu schützenden Arten gesetzt hat, gelten für den Umgang mit dem Nagetier besondere Regeln. Manchmal sitzt Hellwig bis spät in die Nacht an seinem Schreibtisch und arbeitet sich durch Vorschriften und Gesetze. Tierschutz im 21.Jahrhundert ist eine komplexe Angelegenheit. Man hat Erfahrungen mit Großtrappen und seltenen Krötenarten, die Hamsterproblematik aber ist noch relativ neu. Bis in die siebziger Jahre galt der Feldhamster als Ungeziefer und Fruchtschädling, der die Existenz der Bauern gefährdete, pro abgelieferten Hamsterschwanz zahlten die Gemeinden sogar eine Belohnung. Wenn es so etwas wie Karma gibt, ist dies die Rache der Hamster; Holger Hellwig klappt seine Bücher zu. Er ist jung, dies wird seine erste große Mission. Dann schickt er seine Beurteilung an den Betreiber des zukünftigen Gewerbeparks, die Grundstücksverwaltungsgesellschaft GVG der Stadt Mainz.

Ferdinand Graffé, der Prokurist der GVG, hat sein Büro in einem Turm neben dem Rathaus. An der Wand hängen Dutzende von Plänen und Entwürfen zum Gewerbepark, einige sind bunt schraffiert, andere schwarzweiß. Graffé hält in seinen Händen die Beurteilung von Holger Hellwig. Darin steht, dass, sollte die GVG den Gewerbepark bauen wollen, die Hamster umgesiedelt werden müssten und ein neues Wohngebiet für die 70 bis 90 Hamster geschaffen werden muss. Holger Hellwig empfiehlt dafür 33 Hektar, wobei empfehlen nicht das richtige Wort ist. Es ist eher eine Anweisung. Ferdinand Graffé bekommt keine Panik. Er ist ein besonnener Mann von 52 Jahren. Aber Land zu kaufen ist teuer, und 33 Hektar sind eine riesige Fläche. 33000 Quadratmeter. Beinahe fünf Fußballfelder. Er weiß nicht, wie er mit den Hamstern umgehen soll, ohne die gesamte Investition zu gefährden. Die Mehrkosten müssen später auf die Mietpreise umgeschlagen werden. Und überall im Umland entstehen gerade günstige Gewerbegebiete, da muss die GVG mithalten können. Ferdinand Graffé rechnet durch, was die Hamster kosten werden. Er kommt auf 6,8 Millionen Euro. 76000 Euro pro Hamster. Der Bericht von Holger Hellwig macht deutlich, dass Graffé keinen Spielraum hat. "Das Gesetz", sagt Ferdinand Graffé, "ist eindeutig auf der Seite der Feld-hamster."

Natürlich gibt es eine Sitzung im Rathaus. Im Foyer sitzt ein Pförtner mit einem freundlichen Seehundgesicht, das Gebäude, entworfen von dem dänischen Designer Arne Jacobsen, ist düster und dunkel. Auf den Korridoren klappen Bürotüren auf und zu, Vertreter der GVG eilen durch die holzgetäfelten Gänge, Akten fest unter die Arme geklemmt. Dahinter Leute von den städtischen Fachämtern für Stadtplanung, Umwelt und Recht, Mitarbeiter der Landesministerien, Gutachter. Die Versammlung wird zu einem Informationsabend über den gemeinen Feldhamster. Auf den Tischen liegen auf grauem Umweltschutzpapier Tierschutzvorschriften und die Gutachten von Holger Hellwig. Ein Beamter vom Landesamt für Umweltschutz erklärt: "Wir haben einen dienstlichen Auftrag im Rahmen der Gesetze, und wir werden versuchen, euch zu helfen. Aber ihr könnt euch da nicht wehren. Das ist eben dumm gelaufen, dass ausgerechnet hier eine der größten Populationen des Landes lebt." Die Herren starren betroffen auf die Unterlagen. Ein Beamter ärgert sich, dass das Waldstück, das an einem Ende des Gewerbeparks geplant war, um das Gelände ein bisschen aufzulockern, wegfallen soll; dort ist nun Ackerland geplant, damit die Hamsterpopulation nicht in zwei zu kleine Hälften getrennt wird: Inzucht ist auch für Hamster schlecht. "Hier soll alles hamstergerecht werden", schimpft der Beamte, "und wo sollen die Mainzer zum Erholen hin?" Hellwig lässt seine Tasche aufschnappen und präsentiert neue Untersuchungsergebnisse. Auf der zukünftigen Baustelle leben im Schnitt 1,07 Hamster pro Hektar, im Umfeld sind es nur 0,44. "Natürlich", sagt ein anderer Beamter, "das ist wieder typisch für unser Glück."

Später finden Bürger- und Bauernversammlungen statt. Die Bauern, deren Pachtgrund an das Gewerbegebiet grenzt, dürfen keine Jauche mehr ausgeben und nur noch bestimmte Fruchtsorten anpflanzen. Vor allem die älteren Landwirte verstehen nicht, warum ihnen nun auf einmal eine Hamsterpauschale gezahlt werden soll, pro Jahr und Hamster 51 Euro für Ernteausfall. "Auf meinen Acker kommt kein Hamster", ruft einer von ihnen, "ich bin doch nicht bekloppt." Bald werden die Hamster zum Politikum. Ferdinand Graffé bekommt viele E-Mails. "Ich mache euch das für nur 10000 Euro", schreibt ein Bürger. "Ich schlag die alle tot." Ein anderer schimpft: "Und für die Sozialhilfe habt ihr kein Geld, ja?" Ferdinand Graffé versteht, dass sich die Leute aufregen. 6,8 Millionen Euro sind viel Geld. "Wir sind richtige Witzfiguren geworden." Wegen der Nagetiere verzögert sich der Baubeginn um ein Jahr. Zu Weihnachten bekommt Graffé einen Stoffhamster geschenkt. Wenn man auf einen Knopf drückt, spielt er Kung Fu Fighting .

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Holger Hellwig erarbeitet einen Masterplan für das weitere Vorgehen, als Überschrift schreibt er auf seinen Zettel: Feldhamsterkonzept. Für den ersten Bauabschnitt, der im Frühsommer 2004 beginnen soll, müssen 20 Hamster umgesiedelt werden. Hellwig sieht keine andere Möglichkeit, als die Tiere mit Lebendfallen zu fangen und auf ihr neues Territorium zu bringen. Für die anderen hat er sich das Prinzip "Verlockung und Vergrämung" ausgedacht: Wenn die Hamster Ende April aus ihren Bauten steigen, sollen sie, anders als bisher, nichts zu fressen vorfinden, nur Brachland. Darüber werden die Hamster, hofft Hellwig, sehr überrascht sein und anderswo auf Nahrungssuche gehen. Tatsächlich soll es dann in etwa 50 bis 70 Meter Entfernung Nahrung von mittlerer bis guter Qualität geben, ein wenig Getreide, ein paar Rüben. Dorthin müssen die Hamster zwangsläufig gehen. Dies nennt man "Vergrämung". Wieder etwas weiter weg soll besonders appetitliches Futter, Luzerne und Weizen, wachsen – und die Hamster sollen, der Nahrung folgend, weiterziehen, bis sie das ihnen zugedachte Gebiet erreicht haben; die "Verlockung" ist perfekt. Obwohl Hellwig notiert: "Mit Ausfällen und unkontrollierten Fluchtbewegungen ist in jedem Fall zu rechnen." Holger Hellwig hat vor allem bei alteingesessenen Tieren einen gewissen Starrsinn ausgemacht, mangelnde Flexibilität, die sich auch auf die Bereitschaft zum Umzug auswirken könnte. So oder so wird dieser Prozess lange dauern. "Vielleicht zwei bis drei Jahre", schätzt Hellwig. "Aber genau weiß man das nicht. In dem Stil hat das noch niemand versucht."

Für Ferdinand Graffé ist alles ein Rechenspiel. Er überlegt hin und her, wie er trotz Tierschutz die Kosten senken kann. Schließlich einigt er sich mit dem Landesamt für Umweltschutz darauf, dass zum Ausgleich für den Landverlust durch die Hamster nur 16 statt 26 Hektar Land als Erholungsgebiet für die Mainzer Bürger dazugekauft werden müssen. Die neuen Baupläne hat er schon an seine Bürowände gepinnt. Die Kosten für die ersten 20 Hamster belaufen sich nun nur noch auf 2,75 Millionen Euro. Darin ist der Kaufpreis für das Land enthalten, die Feldpflege durch Bauern sowie die jährlich anstehende Kartierung der Hamster, um bei der EU über den Zustand der Tiere Bericht erstatten zu können. "Peanuts, im Vergleich zu den gesamten Baukosten", sagt er, nun Hamsterfreund mangels Alternative. "Und im Grunde gibt es ja nie Baumaßnahmen, die am Ende ohne gewisse Mehrkosten auskommen."

Einige Zeit später wird im Rathaus eine neue Sitzung anberaumt. Diesmal hallen die Schritte der Teilnehmer weniger dynamisch durch die Flure des Rathauses. Denn es gibt neue Probleme. EU-Richtlinie und Bundesartenschutzverordnung verfügen, dass trächtige Hamster nicht umgesiedelt werden dürfen. Und diese Vorschrift ist ein ziemlicher Fallstrick, vielleicht weil die Abgeordneten in Brüssel zu wenig über die Triebhaftigkeit des Feldhamsters wissen. Feldhamster paaren sich gerne und hastig. Wenn die Tiere Ende April aus ihren Winterbauten kriechen, werden Holger Hellwig und seine Leute maximal zehn Tage Zeit haben, um die von der ersten Umsiedlungsphase betroffenen Exemplare zu finden und vom Gelände zu tragen, bevor die Paarungszeit beginnt. Man könnte die Hamster zwar auf eine mögliche Schwangerschaft untersuchen. Dafür müsste man sie allerdings in die Hand nehmen, und dazu wiederum benötigte man für jedes einzelne Tier eine gesonderte artenschutzrechtliche Genehmigung. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Es gibt noch größere Schwierigkeiten. Die EU verlangt, dass über das weitere Dasein der umgesiedelten 20 Hamster aus dem ersten Bauabschnitt ein Jahr lang Beweis geführt werden muss. Feldhamster haben allerdings eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwas weniger als einem Jahr, weil sie schnell Fressfeinden zum Opfer fallen. Und um sie verfolgen zu können, muss man sie markieren. Holger Hellwig hat sich dazu verschiedene Methoden ausgedacht. Das Bestäuben der Hamster mit einem Farbpuder und ihre spätere regelmäßige Beobachtung ist eine althergebrachte und mühsame, sicher aber die hamsterfreundlichste Methode. Man könnte die Hamster zwar auch mit einem Transponder oder einem Chip markieren. Das wäre aber nicht ungefährlich. Ein Tier könnte einen Herzinfarkt bekommen, und auf das Töten eines Feldhamsters stehen laut Gesetz drei bis fünf Jahre Haft, je nach Schwere des Vergehens. Ferdinand Graffé jedenfalls ist für den Farbpuder. "Ich mag Mainz, aber ins Gefängnis will ich nicht." Er meint das als Witz. Auch anderen ist die Sache mit dem Chip nicht geheuer. In der Sitzung hebt ein Beamter seine Hand. Er sieht ehrlich besorgt aus. "Was passiert, wenn ein Raubvogel einen Hamster mit Chip frisst?", fragt er. "Schädigt der Chip dann den Darm des Vogels?"

Derzeit schlafen die Hamster auf dem Gelände des Gewerbeparks ihren Winterschlaf zu Ende, nicht wissend, dass sie bald schon ein besseres, sorgenfreieres Leben führen werden. Im Grunde sei er froh, an jenem Tag über die Hamsterlöcher gestolpert zu sein, sagt Holger Hellwig heute, auch wenn das eine Menge Ärger bedeutet habe. Im letzten Jahr ist Hellwig bei einer seiner Begehungen auf ein paar Hamsterjunge gestoßen, das sei ein schönes Erlebnis gewesen, sagt er. Gern würde sich der Biologe den Hamstern noch eingehender widmen, das Leben des gewöhnlichen Feldhamsters ist längst nicht umfassend erforscht. Doch die Richtlinien seien so streng, seufzt Hellwig. "Wenn man einmal einen Hamster fängt, trifft einen gleich die volle Härte der EU. Manchmal denke ich, irgendetwas läuft da falsch."