Sind wir hier in einem Hotel? Dumme Frage. Wir haben vorhin unser Gepäck aufs Zimmer bringen lassen. Trotzdem: Erinnert das Entrée momentan nicht eher an ein heftig umwuseltes Restaurant? Zur gläsernen Drehtür strömen unablässig Menschen herein. Menschen, die essen wollen. Gut aussehende Menschen in feinem Tuch, die selbstbewusst den Raum durchmessen. Menschen, die nach kurzem, intensivem Gespräch mit der Managerin, wieder gehen, weil sie keinen Tisch mehr bekommen. Und das um drei Uhr nachmittags. Die katalanische Obsession das Mittagsessen betreffend wird nur überflügelt von jener, die sich auf das Abendessen richtet.

Das Restaurant des Hotel Omm in Barcelona heißt in spielerischer Umkehrung der heiligen Sanskritsilbe einfach Moo. Es wird geleitet von den Gebrüdern Roca, deren Restaurant in Gerona mit zwei Michelin-Sternen dekoriert ist. Aber "Michelines" – so nennt die spanische Umgangssprache in Anlehnung an das Reifenmännchen die kleinen Rollen am Bauch – holt man sich hier nicht. Es geht im Restaurant, wie im ganzen Haus, durchaus im buddhistischen Sinne um das rechte Maß. Auf der Karte stehen halbe Portionen – damit man mehrere der überaus originellen Kreationen kombinieren kann; zum Beispiel bei den Desserts, die durch Parfums inspiriert sind und mit Duftproben serviert werden.

Das Restaurant ist in vielen Hotels lästige Pflichterfüllung, hier ist es nicht nur eine Kür, sondern der Ursprung. Denn das Omm ist das erste Hotel der in Barcelona ansässigen Gruppe Tragaluz, die bereits acht Lokale betreibt und sich für ihr erstes Hotel einiges hat einfallen lassen. Hat einfallen lassen müssen, um in Barcelonas Ozean an künstlerischer und architektonischer Kreativität mitzuschwimmen. Das fängt bei der Fassade an. Die besondere Form der Balkone, die wirken, als wären sie aus der Fassade herausgebogen, blenden den normalen Lärmpegel Barcelonas aus, der es in vielen Hotels ratsam macht, nach hinten hinaus zu reservieren. Mögen die tiefschwarzen Flure mit den Edelstahltüren und den Leuchtstreifen am Boden auch anderes vermuten lassen: Die Zimmer sind Oasen der Entschleunigung, komponiert mit dem von Süden einfallenden Tageslicht. Es fällt in den begehbaren Schrank, der zugleich geräumiges Bad ist, es fällt auf den großen Ankleidespiegel. Es streift die glänzend weiße Schleiflackfläche des Raumteilers, die mit den dunkelbraunen Vorhängen aus Wildleder kontrastiert. Die Eichendielen reichen bis an die Dusche – auch wenn sie der Feuchtigkeit nicht dauerhaft standhalten und sich verziehen. So viel Design muss sein.

Schon die unmittelbare Nachbarschaft im Stadtteil Eixample mit dem Jugendstil-Boulevard Passeig de Gràcia und der Rambla de Catalunya legt mit ihrem Shopping- und Kulturangebot die Messlatte für guten Geschmack hoch an. Einen Block weiter steht Gaudís Casa Milá, zu deren berühmtem Dachgarten man vom Balkon des Zimmers oder von der Dachterrasse aus hinüberblickt. Eine Begegnung auf Augenhöhe. Denn das Omm formuliert mit seiner kühnen Fassade seinen eigenen Anspruch, den es drinnen bis in die Auswahl des edlen Duschgels erfüllt.

Aber zugleich wirkt es so natürlich und gelassen, dass der Gast sich nicht fragen muss, ob er nun selbst zum Ambiente passt. Auch deshalb ist die Lobby, in der ein irritierend schöner Gaskamin mit weißen Quarzsteinen steht, beim städtischen Volk zur In-Bar geworden. Man kann hier auch einfach nur einen Drink nehmen und die ungeheuer geschmackvolle Einrichtung auf sich wirken lassen, mit dem Blick bis zum Ende des Raums wandern, wo in einem Lichtschacht Bambusbäume mit asymmetrischen Spiegeln stehen. Ein kleiner Märchenwald. Wir beantragen Bleiberecht.

Hotel Omm, Rosselló 265, E-08008 Barcelona, Tel. 0034-93/4454000, www.hotelomm.es , www.designhotels.com . Doppelzimmer ab 290 Euro