Horst Hussel, der Berliner – halt! – Malerpoet – halt! –, feiert am 28.April seinen – halt, halt, Schluss, aus! Falsch, alles falsch.

Hussel ein Berliner? Ein abwegiger Gedanke. Wie man schon Berlin an sich kaum einen Gedanken nennen kann. Richtig hingegen ist Tarnow, Klockow, Rüschow, Bützow, Rindow, Siggelow und vor allem Gägelow. Also Mecklen-, pardon, Mekelenburg, selbst wenn Hussel streng physisch seit ca. 1954 in Berlin lebt. Dort allerdings auch nicht als Maler oder Poet (falls das etwas besonders Poetisches sein soll). Sondern als Erfinder und Erzähler, als Naturforscher, mit Radiernadel, Rohrfeder, Pinsel oder mit dem Schreibstift in der Hand.

So hat er Runges Märchen vom Fischer un syner Fru, so hat er Bücher von Alfred Jarry und Hermann Harry Schmitz, von Knigge und Cummings und Schnitzler, von Hildesheimer, Charms und Fielding, von Storm und Stefan Heym illustrierend kommentiert und neu erzählt. So gingen diese Illustrationen in andere Bilder über. Und diese – allesamt Querschnitte, Porträts, Landschaften des Traums und des Witzes – wiederum in zart wuchernde Erzählungen und Dramolette. Zusammen bildet das Ganze den Kosmos Hussel, in dessen Mitten er stillvergnügt waltet, ein bedächtiger Oberamtmann des Fantastischen, einer der großen Subtilisten der Gegenwartskunst.

Seine jüngste Liebe gilt Albrecht Kasimir Bölckow, dem legendären Komponisten aus Gägelow, Zeitgenossen Wagners, Erfinder des Schrack und der Sopranspindel. Jetzt hat Hussel ein Tagebuch-Fragment Bölckows unter dem Titel Musik aus Gägelow breitester Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der auf beigefügter CD festgehaltene Diskurs zwischen den verblüfften Experten, Friedrich Dieckmann darunter, zeigt, welchen Rumor der Fund bereits in Kennerkreisen auszulösen im Begriffe steht.

"Was Verhältnisse!", zitiert Hussel aus Bölckows rural inspiriertem Journal. "Während Conow an einem Ast sägt, füttert Crenow die Hühner, Pastor Büsching verspeist einen Fasan, Below schiebt Sand, und Bütow schlummert unterm Holler. Es ist keine Gemeinsamkeit unter den Menschen."

Das allerdings musste Hussel selber früh erfahren. Die Kunstkaderschmiede der DDR wiesen dem jungen Mann (geboren 1934 in Greifswald, aufgewachsen in Sternberg und Wismar) 1958 die Tür, er wechselte von Berlin-Ost nach -West, blieb aber doch dem Osten treu – das heißt, treu allein dem eigenen Dogma, der Fantasie, der Literatur und Musik, der Sprachmusik (wie denn auch Musik aus Gägelow reine Sprachmusik ist, ob Bölckow nun das Lied von Tarnow, Klockow, Gülzow, Rüschow, Bützow intoniert oder die Kunst der Kanarienvögel preist, mit Hohlklingel, Knorre, Bassrolle, Glucke, Pfeife und Schwirre).

Am 28. April also wird er tatsächlich 70, der grandiose Mann. Da sind wir alle gerne Mekelenburger und stimmen, mit Schrack und Spindel, im Chor der Melkerinnen, den großen Carmen an, Hussel zu Ehren.