Petticoats und Fußball-WM, Nazistarre und Kleinbürgermuff: Wissen wir es nicht längst, aus Dutzenden von aufgekratzten Adoleszenz- und trüben Elternvernichtungsromanen, wie es sich anfühlte, schmeckte und roch, das Jungsein im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit? Gibt es wirklich noch eine Lücke im kollektiven Gedächtnis, die 430 Seiten Familienleben aus Hamburgs feinem Stadtteil Harvestehude aufnehmen kann, Berichtszeit 1967, Großmutter, Vater, Mutter, zwei Töchter im an- und ausgehenden Backfischalter?

Es gibt sie. Viola Roggenkamps Geschichte der 13-jährigen Fania Schiefer steht quer im bundesdeutschen Schrebergarten. Sie ist untypisch und exotisch, und sie ist es notgedrungen: "Da hast du es mir gesagt, sagt mein Vater zu seiner Schwiegermutter. Was denn, was denn. Ich will das Wort hören. Das Schlimme. Das Besondere. Das Kostbare. Daß wir Juden sind, sagt meine Großmutter."

Um dieses Wort drängt sich das Familienleben. Es macht die Töchter zu "Abhängigen" einer Leidensgeschichte, an die ihre eigenen Schicksale "nie heranreichen" werden, stiftet Zusammenhalt und steuert das Verhältnis zur Nachbarschaft.

Unbescholten lebt oben im Haus die Kriegerwitwe, die einen Untermieter wegen Rassenschande denunziert hat. Einen friedfertigen, unmännlichen, mutigen Mann, der dennoch seine spätere Frau und ihre Mutter hat retten können. Wie ihm das gelungen ist, dem Vater, dem Nichtjuden und Heros seiner vier jüdischen Frauen, liegt im Verborgenen der immergleichen Geschichten, aus denen der Mythos sich speist: Der Mythos einer Solidargemeinschaft, die einen Kokon aus Überbehütung und Misstrauen um sich gezogen hat. Denn was Fania über die Großmutter sagt – es steckt ebenso in der defensiven Couragiertheit der Mutter und der Psychosomatik des Vaters, der als Handlungsreisender das ganze Spektrum deutscher Ansichten verkraften muss: "Ihre Haut ist von Angst durchwebt."

"Jüdisch" sein, "nicht jüdisch und deutsch": Für Fania und die 17-jährige Vera heißt das, sich einzuüben in eine offene Identität. Die Freiheit dazu, bis hin zu den sporadischen Versuchen der älteren "Vatertochter", nichts zu sein als ein normaler Teenager, wächst innerhalb des Kokons. Dort gibt es keine Zensur, keinen Terror wegen schlechter Schulnoten, keine Verklemmung.

Nur eng ist es. Zu klein die Wohnung im Mietshaus mit der Villenfassade und knapp das Geld. Das reißt an den Nerven. Emotionen kochen hoch, es wird gestritten, manchmal nur über ein Buch, damit der Streit da ist. Vera produziert sich als verzickte Diva, die Großmutter will immer dazwischenhocken, nie ist die Mutter mit dem Vater allein, wenn er am Freitag von seiner Tour zurückkehrt. Und inmitten ein altkluges Mädchen auf der Suche nach sich selbst. Fania will jüdisch sein wie die Mamme der Mutter und die bühnenfähige Streitgemeinschaft ihres "Theresienstädter Kränzchens", aber nicht religiös und nicht eng. Doch wie kann das aussehen? Wie bei Tante Rosa, die in die DDR umsiedeln wird und offen lebt, was Fania an sich entdeckt und heimlich erprobt: die Liebe zu Frauen?

Die Antwort muss man nicht wissen, auch wenn vielleicht die Vita der Journalistin Viola Roggenkamp sie gäbe. Das späte Debüt der 55Jährigen jedenfalls lässt ahnen, woher der Witz, die Wärme und kluge Ambivalenz ihres Erzählens kommen: aus einem wunderbar komplizierten, unspießigen Familienleben, in dem weder Aufruhr noch kritische Schärfe der Liebe einen Abbruch taten.

Deutschland vor 68: gespiegelt im Reflex einer Angst, die nicht immer begründet sein mag, aber immer das Klima trifft. Verfremdet zur Kenntlichkeit, zugleich transparent bis in die muffigen Parzellen seiner umerzogenen Biederkeit, steigt es auf vor dem doppelten Blick, der nicht wählbar ist und dem wir die immer noch notwendigen, die anderen deutschen Geschichten verdanken.