In der Fußballbundesliga steht der SV Werder Bremen mit recht komfortablem Vorsprung auf Platz eins. Deswegen sieht sich Werder-Trainer Thomas Schaaf tagtäglich mit der Reporterfrage konfrontiert: "Wird Werder jetzt Deutscher Meister?" Schwierige Frage, da ja an den verbleibenden fünf Spieltagen noch allerhand passieren kann. Der Ethikrat trifft schon mal so etwas wie eine Vorentscheidung.

Es ist bekannt, dass der weise Solon, als er einst Athen verließ, um sich nach Gutdünken in der Welt umzusehen, auch nach Sardis kam, wo ihn der Landesvater, König Kroisos, gastlich empfing. Gleichsam als Lohn für die fürstliche Bewirtung verlangte Kroisos schließlich von Solon zu hören, wer von allen Menschen unter der Sonne der Glückseligste sei ("ähem, ähem!"). Der König war nämlich sagenhaft reich und zweifelte daher nicht daran, dass Solon ihm allein jenen Ehrentitel zuerkennen müsse. Solon jedoch will davon nichts wissen und nennt die Bürger Tellos und Kleobis und Biton, sämtlich dahingeschieden, als die Glücklichsten. Wie sich nun Kroisos mächtig echauffiert, so übergangen worden zu sein, erläutert ihm Solon in der unnachahmlichen Manier eines internationalen Topweisen das Konzept der Glückseligkeit: Wer nämlich, sagt er, "die meisten Güter hat bis zu seinem Ende und so sein Leben in Wohlgefallen beschließt, den, o König, halte ich würdig, so genannt zu werden. Schau bei jedem Ding auf sein Ende, wie es ausgeht. Schon vielen hat Gott das volle Glück vor Augen gehalten und sie doch von der Wurzel aus umgestürzt."

"Fürwahr!" höre ich es vielstimmig in der Chefetage des SV Werder Bremen beim Blick auf die Tabelle nicken. "Unverhofft kommt oft, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, denn meistens kommt es anders, als man denkt, und: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Abgerechnet wird ohnehin zum Schluss. Aber dieser Solon, das wär doch ein Mann für uns. Mensch Allofs, schau doch mal, ob wir den nich ablösefrei kriegen könnten?"

Insgesamt scheint ein Ethikrat für einen erfolgreichen Fußballtrainer, der in seiner Zurückhaltung nicht nur Pragmatismus, Vernunft, gesunden Menschenverstand und kaufmännische Umsicht, sondern auch etliche Kilogramm abendländischer Spruchweisheit auf seiner Seite, kurzum: der schlicht und einfach Recht hat, von zweifelhaftem Wert zu sein. Aber horch! Wieder tönt die alte Frage: Wird Werder jetzt Meister? Bei allen Göttern! Woher soll denn der arme Herr Schaaf das wissen, wer überhaupt soll das wissen? Die Tatsache, dass wir nicht in die Zukunft sehen können, weil es nämlich gar keine Zukunft gibt, weil Zukunft als die Summe alles Nochnichtseienden ebenso noch nicht ist, weil sie mithin überhaupt nicht ist und sich nicht das Geringste über etwas sagen lässt, das erwiesenermaßen verfluchtnochmalganzundgarnicht ist, ist derartig trivial, dass es noch nicht einmal ein Zitat, einen Aphorismus oder irgendeine Redensart gibt, die den Ethikrat von der Zumutung entbinden würde, so etwas eigenhändig formulieren zu müssen. Herrschaftszeiten! Wahrlich wäre es wunderbar, würde Werder Meister, wahrlich wäre es ideal, würden Ailton & Co es nicht verfehlen, das Tor noch so oft wie möglich zu treffen. Doch dieser Wunsch nach Idealität ist schlicht irrational, und wie es Hartmann in seinen Grundzügen einer Metaphysik der Erkenntnis ausführt, ist gerade die Irrationalität des Idealen die Grenzscheide zwischen Treffenkönnen und Verfehlenmüssen. Das Bewusstsein dieser Irrationalität aber ist das kritische Wissen um das partiale Nichttreffenkönnnen. Dies sollten sich jene Herren Reporter, die ihren Hartmann auf dem Kopierer der Universitätsbibliothek haben liegen lassen, hinter die Headset-bewehrten Ohren schreiben!