Mit den ersten warmen Tagen kommen sie wieder. Sie stehen an Ecken, Kaufhauseingängen, Ampeln, überall, und strecken Ihnen ihre Zettel entgegen, rote, gelbe, lilafarbene, mit Werbetexten, die mit »Supersupergeil!« beginnen, mit »Entdecken Sie die Kraft Ihres Gehirns!« oder mit »Fritzkes leckerbillige Schnellküche!«. Und jedes Mal wieder stellt sich die Frage: Wie reagieren Sie?

Gängige Strategien, wie Blickkontakt vermeiden oder den Schritt nicht verlangsamen, helfen umso weniger, je größer die Stadt ist; ab einer bestimmten Einwohnerzahl ignorieren die Wegelagerer selbst stechende Blicke, Kopfschütteln oder barsches Zurückweisen und tun das, was man ihnen vermutlich in teuren Zettelverteilerseminaren geraten hat: Sie halten Ihnen unbeirrt ihre Botschaften entgegen, das ist schließlich ihr Job.

Ebenso wenig nützt es, mit jenen, an denen man täglich vorbeikommt und die einem täglich »Wahnsinn! Nur heute: Jumbo-Pizza mit Doppelbelag!« in die Hand drücken, das Gespräch zu suchen (»Ich will Ihren Zettel nicht. Ich will Ihren Zettel auch morgen nicht. Ich hasse Pizza! Verstehen Sie?«): Zettelverteiler merken sich keine Gesichter, das ist nicht ihr Job.

Sinnvoller kann es sein, schon vor dem Auf-die-Straße-Treten eine Zickzackroute zu erarbeiten, um den Nötigern aus dem Weg zu gehen. Allerdings: Zunehmend werden mobile Verteiler eingesetzt, die einem beharrlich folgen und denen man in den Seminaren noch mehr Tricks beigebracht hat: Männer rufen – und meinen natürlich nur das Werbeblättchen –: »Gratis«, »Kostenlos«, »Umsonst«, »Für lau« (alles hintereinander, beim heutigen Bildungsstand weiß man ja nie, ob jeder Passant bereits beim ersten oder zweiten Begriff kapiert, was los ist). Frauen hängen sich bei einem männlichen Opfer ein und sagen lustvoll: »Hi, Süßer, das hast du heute Morgen bei mir vergessen« (ab und zu versuchen dies auch Männer, in der Regel bei Frauen). Üben Sie für solche Fälle zwei, drei abwehrende Standardantworten ein (»Lass nur, ich hol es mir heute Abend«; »Schatzi, ich schwöre, ich kenne diesen Kerl nicht«).

Andere setzen einfach auf Ihre Reflexe und halten Ihnen den Zettel so dicht vor, manchmal an die Brust oder das Gesicht, dass Sie unweigerlich danach greifen wie ein Menschenaffe nach der Banane. Falls Sie Ihre Hände nicht in Ihren Taschen verstauen können (weil diese zugenäht sind, damit sie niemand mit Zetteln füllt), kann es sich lohnen, vorübergehend beide Arme mit Handschellen an den Gürtel zu fesseln.

Doch nun besteht die Gefahr, dass besonders skrupellose Straßenwerber Ihre Wehrlosigkeit ausnutzen: Vereinzelt sind schon selbstklebende Werbezettel aufgetaucht, die man widerspenstigen Opfern einfach auf die Brust oder, noch perfider, auf den Rücken drückt.

Was also tun? Sicher, man kann Gleiches mit Gleichem vergelten und selbst Zettel zücken und verteilen (»Ich will keine Werbezettel!«), zur großen Überraschung der Zettelverteiler, so lange jedenfalls, bis diese ihrerseits mit einem Zettel kontern (»Ich muss Werbezettel verteilen, es ist mein Job, er ist frustrierend und schlecht bezahlt, aber ich will keine Pornos drehen und brauche das Geld!«).