Ein Gefühl muss schon sein in der Wachstumskrise, es ist ja Frühling, Zeit für das weiche Empfinden, die Seele hat Ausgang. Wer fühlt noch was? "Genießen Sie das Anstehen!", lockt ein Café an der Berliner Nationalgalerie die wartende Schlange, die sich in der schmeichelnden Aprilsonne geduldig um das Museum wickelt. "Fühlen, was geschieht", wirbt auf den Bussen eine Zeitung, während auf den täglichen Anzeigenseiten die Zwangsversteigerungen Raum greifen.

Der Haubentaucher baut an der Spree sein Nest, und auch in einem blühenden Kreuzberger Hinterhof, die taz feiert Geburtstag, ist an diesem Frühlingsnachmittag Zeit für Gefühle. Für das Gefühl, das der moderne Kapitalismus gebar, die Liebe. Liebend zur Sonne, zur Freiheit! Das war die Verheißung, wider das berechnende Interesse des Geldes, die Normen, raus aus der Not, zu zweit ins Café, ins Kino, auf Reisen! Hunderte drängen zum taz- Kongress, der hier im Hinterhof, in der dunklen Höhle eines Theaterraums, allerhand Zukunftsfragen in Serie auftischt: Irak. China. Soziale Systeme. Europa. Parlamentarismus. Umwelt. Armut. Da darf die Liebe nicht fehlen.

Wie ist das Befinden? "Gibt es einen Fortschritt der menschlichen Beziehungen?", fragt der Moderator ins Dunkle hinein und meint jenes normale Chaos der Liebe zwischen Männern und Frauen, das der taz stets am Herzen lag und für das jeder im Saal, anders als im Falle Supermacht China, anders als im Falle Krise der Rente, Experte ist. Zu Rate gezogen werden: ein Berliner Mikrosoziologe, Hans Bertram, die Sozialwissenschaftlerin aus Jerusalem, Eva Illouz, eigens eingeflogen, ein ausgewiesener Haremsmann ganz in Weiß, Rainer Langhans, eine Kreuzberger Publizistin, Katharina Rutschky. Das gelebte Leben versammelt sich mit der gelehrten Expertise und der Meinung zum Plaudern. Alte Preisfrage: Vertragen sich Freiheit und Bindung? Na, geht so, möchte man sagen. Freiwilligkeit ist schon eine sehr feine Sache, nur nicht umsonst zu haben.

Die Zahl der Scheidungen steige, sagt der Mikrosoziologe Bertram, aber Leute mit Kindern blieben meistens zusammen. "Was ist so schlimm an einer Scheidung?", fragt unter Applaus die Publizistin Rutschky und findet im liberalen Übrigen "alles prima". Langhans, hier auf Socken, weiß zu sagen: "Wir sind besser dran denn je. Aber nicht jeder tut sich leicht damit." Die Zeit der Körpererhaltungsnotgemeinschaften sei vorbei, erstmals in der Menschheitsgeschichte lebten wir mit nur einer Beziehung lebenslang, der zu uns selbst: "Fantastisch!"

Als das Wohlbefinden überhand nimmt, ruft das Publikum: "Lächerlich!", und nach fast 45 Minuten ist auch die Expertin aus Jerusalem dran. Eva Illouz hat ein allseits gerühmtes Buch geschrieben, Der Konsum der Romantik, das die heillose Verstrickung der Liebe in die Warenwelt untersuchte und in der Liebe die harte Arbeit der Selbstdarstellung entdeckte. Ein Luxus für Leute mit stattlichem kulturellem Kapital, für andere unerschwinglich. "Wir feiern das Chaos", warnt die Autorin, offenkundig etwas erstaunt über den plaudernden Planeten, auf dem sie zu Gast ist. "Liebe ist heute härter als Arbeitssuche. Selbstverwirklichung ist anstrengend. Und viele fühlen sich bei der Arbeit längst wohler als bei der Familie zu Hause."

Weswegen der Mikrosoziologe Bertram an diesem Frühlingsnachmittag im Dunkeln dann doch noch von Kindern spricht, also von deren Fehlen, und von der mangelnden Fürsorge: Schon 2010 werden in Brandenburg so viele achtzigjährige Frauen wie fünfzehnjährige Mädchen übrig sein. "Was werden das für Beziehungen sein, in denen sie leben?" Nun haben die Wissenschaftler den Applaus auf ihrer Seite, und zum Schluss wird ein weißhaariger Mann die Soziologin aus Jerusalem tatsächlich um ein Autogramm bitten: Wunderbar sei ihr Buch. Wunderbar. Er hat es seiner Frau zu Weihnachten geschenkt.

"Schlecht gelaufen", stellt schließlich ein Platinblonder in schwarzem Leder aus dem Publikum fest und meint das Plaudern in Zeiten der Konfusion. Dazu könnte auch die Liebe wohl nicken, die im Wettbewerb gegen Mühsal, Arbeit und Not gern noch strahlender dastände. Wie hatte der erfahrene Haremsmann gesagt? "Der Geist ist immer 35 Jahre hinterher", und das könnte dann ja doch noch ein heiteres Frühlingserwachen in der Artenvielfalt der Liebe geben.

Elisabeth von Thadden