Es war am 18. April 2004, als morgens um 6.30 Uhr der Wecker klingelte. Vielleicht, wenn er ein High-Tech-Wecker war, piepte er auch oder spielte ein paar Takte Vivaldi. Alles, was piepen kann, piept heutzutage Vivaldi. Dies geschah gleichzeitig in Keitum auf Sylt, in Bielefeld, in Wien, in Bremen und in Wertheim am Main. Die folgenden Ereignisse sind nicht belegt, aber wahrscheinlich. (Wie die Massenvernichtungswaffen des S. H.)

In Keitum verlässt die dort als Goldschmiedin beliebte Birgit Damer den Strandkorb, der ihr als Wohnsitz dient, und wendet ihre Laufschuhe gegen den steifen Westwind, der nicht nur ein Weichmetall wie Gold erhärtet, sondern auch die rauen Nordfriesen für den Lebenskampf fit macht. Nach wenigen Schritten verlässt sie den Dünenpfad und steuerte das Tagesziel an: Berlin. Auch Christoph Freier, ihr Commis de Cuisine, hat sich zu diesem Zeitpunkt aus dem Bärenfell gewickelt und folgt der Goldschmiedin in deren Windschatten.

In Bielefeld ist es dagegen windstill. Das hält den Physikprofessor Günter Küppers jedoch nicht davon ab, den Garten seiner Wissenschaftsklause zu dieser frühen Stunde auf allen vieren abzusuchen. "Was suchst du denn da?", ruft die Gattin aus dem Schlafzimmerfenster, und er antwortet wahrheitsgemäß: "Die Fahrkarten nach Berlin." - "Die hast du gestern Abend in deinen Mantel gesteckt!" - "Wozu brauche ich in Berlin einen Mantel?"

"Das frage ich mich auch", murmelt die Bielefelder Frühaufsteherin und schließt das Fenster.

In Wertheim ist der Himmel zu dieser frühen Stunde strahlend blau. Aber Barbara Kura hat bereits den Wetterfrosch gefüttert. Sie weiß es besser. In der kurzen Zeit, die sie braucht, um ihr Sturmgepäck zu packen, kriecht der Nebel den Main hinauf (oder hinunter, je nachdem, wie man die Landkarte dreht). Sie lauscht besorgt dem Ruf des Kuckucks. Er ruft siebenmal. Es wird Zeit, sagt sie entschlossen und wirft den Traktor an.

Ebenfalls nach Berlin drängt es die Gebrüder Udo und Volker Moser aus Wien. Sie verstauen zwei Zentner Lebensmittel in ihrer Jolle, vorwiegend Dattelmuscheln, Zimtstäbchen, Kokosmilch, Kaffirblätter, Kurkuma und andere Ikonen der k. u. k. Tafelspitzkultur. Auf dem Weg zum Flugplatz geraten sie mit ihrem Frachtkahn auf der Donau in einen Stau russischer Panzerkreuzer, deren Ziel nichts anderes als Berlin sein kann. Berlin, der kulinarische Gral des Goldenen Westens.

Von Bremen, das muss man zugeben, ist es nach Berlin nicht so weit wie von Wien. Deshalb wirft die Kunststudentin Anneli Käsmayr den piepsenden Wecker mit einem plattdeutschen Fluch aus dem Bett. Plattdeutsche Flüche sind das, worüber die Berliner früher gelacht haben, als sie noch wussten, dass es neben ihrem eigenen Sprachfehler auch andere Dialekte gibt. Als die Anneli mit dem bayerischen Namen schließlich unter die Dusche geht, kommt ihr aus der Küche die Jenny Kropp entgegen. Sie hat das Frühstück bereitet. Es besteht aus gegrilltem Wecker und einer kalten Zitronensuppe mit Minze. Bei deren Anblick bricht Fräulein Käsmayr in ein hysterisches Gelächter aus. Diese Suppe haben sie in den vergangenen zwei Wochen Tag für Tag gekocht. Sie hoffen, mit ihr den Kochwettbewerb der ZEIT zu gewinnen.

Damit ist das Geheimnis der Schläfer gelöst, die alle demselben Ziel entgegenfahren: Berlin, der Austragungsstätte der Endrunde der Hobbyköche. In Berlin wird - eine Ausnahme in der deutschen Geschichte - der Sieger gekürt und nicht der Besiegte beerdigt. Und mit dabei, wie an allen Orten vorher, ist die Equipe von Spiegel-TV unter der Regie von Ralph "Das Auge" Quinke.