Ein Porträt des deutschen Eishockeynationaltrainers ist schnell geschrieben. Sagt Hans Zach. Sein Vorschlag: "Schreiben Sie einfach: Ich bin ehrlich, offen, geradlinig." Okay. Und sonst? Jedenfalls ist der Trainer der deutschen Eishockeynationalmannschaft keiner, der einen solchen Satz ironisch meint. Ganz ernst starrt Zach weiter auf den Fernseher in der Lobby des Hotels Eiskristall. Zu sehen ist die Videotextseite 363, dort sollte nun die Tabelle der amerikanischen Eishockeyliga NHL erscheinen. Tut sie nicht. Doch Zach will die Ergebnisse unbedingt, jetzt, hier in Füssen im Allgäu. Immer wieder tippt er in die Fernbedienung. 363. 363. 363. "Ein Eishockeyspieler muss hartnäckig sein, zäh, kampfstark, willensstark", wird Zach am nächsten Morgen beim Interview sagen. "Spaß gehört nicht zur Mentalität, die man im Eishockey braucht."

Gleich wird er im Eishockey-Bundesleistungszentrum Füssen seinen Spielern wieder zeigen, wie ernst er es meint. Dort trainiert das Team für die Weltmeisterschaft in Tschechien, die am 24. April beginnt. Gut möglich, dass Deutschland es dort – wie in den vergangenen drei Jahren – ins Viertelfinale schafft. Vielleicht ist sogar mehr drin, schließlich ist das Team, so sagt er selbst, in Topform. Was man nicht von der Mannschaft sagen kann, die er 1998 von dem Kanadier George Kingston übernahm: Gerade war sie aus der Weltklasse abgestiegen und musste erstmals seit 1976 bei der B-Weltmeisterschaft starten. Die Sportpresse bemitleidete Zach zu einem "Himmelfahrtskommando", und entsprechend hörten sich seine ersten Interviews an. Zum Kicker: "Wenn ich es recht bedenke, ist mein Job ziemlich aussichtslos. Das deutsche Eishockey liegt am Boden, so tief wie nie, es ist zweitklassig."

Insgeheim fand Zach das wahrscheinlich wunderbar. Die Mission war wie geschaffen für einen wie ihn, der Heldensagen wie Braveheart und Der mit dem Wolf tanzt liebt, Geschichten, in denen eigensinnige Typen unbeirrt für eine gute, aber scheinbar aussichtslose Sache kämpfen. Im Heldengenre spielt auch seine Autobiografie Ich, der Alpenvulkan . Darin ist nicht nur ausführlich von seinen Eishockeyerfolgen die Rede (als Spieler schoss er 384 Tore in 859 Spielen), sondern auch von einer Art Extremwanderung (achtmal innerhalb von acht Stunden auf einen Berg), einer mindestens ebenso mühsamen Fahrradtour (387 Kilometer an einem Tag) und seiner Karriere als Backgammon-Spieler (er schaffte es bis zur WM). Illustriert wird die Saga mit etlichen Fotos. Eines zeigt ihn mit Cowboyhut, sein kantiges Gesicht ist braun gebrannt, die hellen Augen kneift er zusammen, sodass die Falte zwischen den blonden Augenbrauen noch tiefer wird.

So schaut einer aus, der immer mehr als nur eine Herausforderung braucht. Zach, 1949 in Bad Tölz geboren, hat sein Leben lang wirklich hart geschuftet. Er wurde nicht nur Eishockeyprofi, sondern nebenher noch Metzgermeister, medizinischer Bademeister sowie Diplomtrainer. Neben der Nationalmannschaft hat er stets noch ein Bundesligateam trainiert, erst die Kassel Huskies, jetzt die Kölner Haie. Warum der ganze Stress? "Weil ich meinen Sport liebe. Eishockey ist Kraft, Härte, Männlichkeit. Das ist einfach das Leben, wie es früher war, als alles noch einfach hart umkämpft war. Wie in Braveheart." (Der Film spielt im 13. Jahrhundert.)

Die Zachsche Weltanschauung mag überholt anmuten, doch im Eishockey kommt man damit ganz schön weit. Schließlich halten sich etliche der Jungs für richtige Männer, weil sie zur Not auch mit gebrochenem Kiefer wieder aufs Eis gehen. Jungs wie Daniel Kreutzer, den Zach wegen seines "Feuereifers" schätzt und der vom Branchenfachblatt Eishockey News zum besten deutschen Spieler der Bundesliga gewählt wurde. Kreutzer ist 25 Jahre alt, blondiert, 1,76 groß, 88 Kilo schwer und hat eine deutliche Narbe auf der Wange. Zach kennt er schon aus dessen Zeit als Trainer der Düsseldorfer EG. Ihm verdankt Kreutzer, dass er schon mit 17 bei den Großen mitspielen durfte. "Der hat jungen Spielern immer eine Chance gegeben", sagt er. "Dafür muss man durch eine harte Schule. Doch nach jedem Anschiss geht man noch eine Nummer härter ran." Ohne Härte, so Kreutzer, geht es in seinem Sport eben nicht.

"Der Hans hat ein unglaubliches Gefühl für die Mannschaft. Auch für die richtige Zusammensetzung", sagt Franz Reindl, der Sportdirektor des Deutschen Eishockey-Bundes, der Zach als Bundestrainer engagiert hat. Reindl hält "den Hans", mit dem er schon lange befreundet ist, für den "mit Abstand" besten deutschen Eishockeytrainer. "Der spielt ein ganz modernes Eishockey", sagt Reindl. Die Profis sind austrainiert wie nie zuvor, gönnen sich keinen Meter Raum mehr, und deshalb muss alles wahnsinnig schnell gehen. "Eishockey hat sich ja stark auf den Zweikampf reduziert, darauf, sich aus der eigenen Zone schnell zu befreien und schnell in die andere hineinzukommen. Wenn man da die Kleinigkeiten richtig macht, ist man halt besser als der andere", sagt Reindl.

Zach braucht wenige Worte, um seine Mannschaft in Gang zu setzen. Er rüttelt aus einem Plastikeimer Dutzende Pucks aufs Füssener Eis, und sofort flitzen die Dinger wie Kakerlaken darüber, getrieben von Männern in dick verpackten Körpern, auf denen die behelmten Köpfe zwei Nummern zu klein aussehen. Neben ihnen wirkt Zach in seiner grauen Trainingsjacke geradezu schmächtig. Später, im Hotel, erklärt er seine Trainingsmethode so: "Es gibt sicher Trainer, die machen fast täglich neue Übungen, um den Spielern Abwechslung zu verschaffen. Ich trainiere nur Sachen, die man beim Spiel braucht. Also: Passen, Schießen, Laufen. Das ist das ABC, das musst du immer wieder üben." Dann zitiert er noch einen Spruch aus Amerika: "Hockey is a simple game." Zach will, dass seine Spieler unnötige Komplikationen vermeiden. Genauer, konzentrierter, schneller: So sollen sie spielen. Immer wieder sucht er beim Training das Gespräch mit einzelnen Spielern. Einmal nimmt er dem Verteidiger Lasse Kopitz den Schläger aus der Hand und demonstriert ihm, dass er damit einen kleinen, unnötigen Schlenker macht, wenn er einen Pass aufnimmt.

Einmal versammelt er auch alle Mann um sich herum und brüllt irgendetwas. Dann erinnert er plötzlich an den Zach im Anzug, den man aus dem Fernsehen kennt. Einen Mann, der derart in Rage geraten kann, dass ihm 1990 ein Bild- Reporter "Alpenvulkan" taufte. Ein Name, den Zach stolz angenommen und zum Titel seiner Biografie gemacht hat. "Inneres Feuer", so sagt er, gehöre unbedingt zum Eishockey. Dennoch kämpft er gegen sein Ruf als Choleriker, wie man gut nachlesen kann in einem Interview, das er vor einem Jahr mit Sport-Bild führte. "Wenn Sie so toben während des Spiels…", sagt der Reporter.