Marietta Slomka, 34, studierte Volkswirtschaftslehre in Köln und ging später an die University of Kent in Canterbury. 1995 legte sie ihr Diplom ab und arbeitete als freie Journalistin bei der "Kölnischen Rundschau". Nach einem Volontariat bei der Deutschen Welle wechselte sie zum ZDF als Parlamentsredakteurin. Seit Januar 2001 moderiert sie das "heute-journal". Hier träumt sie davon, die Welt vor schlechten Nachrichten zu bewahren

Wenn ich moderiere, gibt es ein Loch in meinem Tagesablauf, das mich zu mir selbst führt. Es öffnet sich, wenn alle Texte geschrieben sind, alle Filme ihren Platz haben und der Moderationsablauf auf die Sekunde verplant ist. Es schließt sich eine halbe Stunde später – darin ist eine Art Zwischenzeit, in der meine Gedanken Ausgang haben. Kontemplative Momente, in denen ich versuche, entspannt in einem Sessel vor einem großen Spiegel zu sitzen, während mir feine Pinsel meiner Maskenbildnerin übers Gesicht wandern und meine Augen geschlossen sind. Man macht mich schön für eine Sendung mit oft hässlichen Nachrichten. Ich habe einen Traum – der mir die Ruhe raubt.

Ich halte die Welt der schlechten Nachrichten einfach an.

Ich lasse sie erstarren in einem Moment, in dem Schlachten geschlagen werden, Korruption überwunden ist und unterdrückerische Regime gestürzt sind. Ich bin eine News-Agentin, eine Mischung aus Jeanne d’Arc und Spider Woman, die das geheime Kraftwerk sucht, das die alltägliche Spirale aus Gewalt und Demagogie in Gang hält. Die herausfindet, dass das tägliche Nachrichtengemisch deshalb so explosiv ist, weil es eine Art Höllenschlund gibt, der negative Energien wie heiße Lava in die Welt speit.

Der Suche danach geht eine einfache Erkenntnis voraus: Auch wir Moderatoren vermögen oftmals politische und wirtschaftliche Brandherde nur zu benennen und zu kommentieren. Doch wer eine Brennnessel aus dem Boden reißt, weil sie einem Schmerz zufügt, sollte ihren Ballen auch entfernen, sonst wächst sie sofort nach. Je tiefer man die Probleme von heute analysiert (Irak! Rente! Maut!), umso unmöglicher erscheint es einem, sie zu lösen. Die Wirren um Kriegserklärungen, Menschenrechtsverletzungen, Misstrauensvoten oder Polizeigewalten: alles scheint mit dem Ziel inszeniert zu werden, möglichst undurchsichtig zu sein. Wiederholen sich dann die Ereignisse wie jene zwischen Israelis und Palästinensern, könnte man glauben, man befände sich inmitten einer Endlosschleife. Das Neue ist das Alte, und das Alte wird wieder zum Neuen. Eine ziellose Drehung der Zeit.

In meinem Traum sehe ich das Zentrum dieser Schleife vor mir, eine Nachrichtenküche. Rezeptehändler für Gerichte wie "Blitzkrieg", "Wirtschaftskrise" oder "Terroreinsatz" verbünden sich miteinander oder stehlen sich gegenseitig die Zutaten. Es sind Geister, die übereinander herfallen, miteinander ringen, um später Allianzen mit anderen Geistern einzugehen. Niemand, der dort spricht, niemand, der dort lacht. Masken statt Gesichtern, Zerrbilder menschlicher Antlitze. Die Speisen glühen, weil das Feuer hochschlägt. Als News-Agentin kenne ich den Eingang zur Alchimistenküche, kämpfe mich durch den Ruß des schweren Rauches und stelle mich den Geistern in den Weg. Plötzlich verschieben sich Wände, Räume verändern sich, bekannte und unbekannte Gesichter umgeben mich.

Wie im Zeitraffer umschwirrt mich alte und neue Kriegsgeschichte: Aufmärsche antiker Truppen und neuzeitlicher Armeen; explodierende Geschütze und zersprengte Stellungen; Bombenkrater aus dem Ersten Weltkrieg und zerstörte Atolle nach Atombombenversuchen; zerschossene Oasen im Orient und europäische Städte in Schutt und Asche.

Kinder tragen Bomben an den Gürteln, Mütter schwören lautstark Rache, Männer stehen Schlange, um ihr Land gegen Ungläubigkeit zu verteidigen. Kirchen werden zu Todesfallen, Autos zu fahrenden Särgen, Flugzeuge starten zu einem letzten Ziel. Und zwischen den Nachrichten immer wieder der unsichtbare Krieg: Wirtschaftsbosse geben Kriegsherren Schecks; Terroristen sitzen beim Lunch mit Ministern; Männer mit Koffern tauschen Agenten aus. Schwarzgeld, Drogenküchen, Waffenhandel, Korruption. Deutschland, Europa, die Welt: Ich stehe mitten im Zentrum des Kraftwerks "Gewalt". Ich schreibe mit meinen Handflächen Kreise und Vierecke in die Luft. Und Kriegsgesichter erstarren, als würden sie schockgefroren… Als sich nichts mehr regt, verlasse ich den vereisten Pol negativer Energien.