Vor ein paar Tagen in Budapest: Die deutschen Fahnen klirren im Wind auf den Donau-Brücken, der deutsche Bundespräsident fährt im Blaulichtgewitter durch die Stadt. Drei Tage lang an seiner Seite auf diesem letzten Staatsbesuch: der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész, Geist und Macht, Ost und West, Arm in Arm auf dem Weg in das neue westöstliche Europa.

Es war Buchmesse in Budapest, vor Jahren initiiert vom ehemaligen Buchmessen-Chef in Frankfurt, eine noch immer zarte Angelegenheit, eine kleine, quirlige Publikumsmesse, die den handgemachten Charme der alten Leipziger Buchmesse mit großer Suppenkelle ausschenkt. Deutschland war das Gastland dieser Messe, ihr Höhepunkt: die Begegnung der beiden höchstdekorierten Berggipfel europäischer Literatur. Günter Grass, grauer Straßenanzug, robuster Wildlederschuh, Imre Kertész, heller Sommeranzug, klassischer schwarzer Ausgehschuh, sprachen über das Leben vor und hinter dem eben noch Eisernen Vorhang. Grass, der immer schon Bürger war, "ein Bürger, der Schriftsteller von Beruf ist", der "Künstler werden" wollte, der sein Schreiben bestimmt sieht "von der deutschen Schuld" und deren Rückseite, dem "engagierten Bürgertum". Und Kertész, der weder Bürger noch Künstler werden wollte, der politische Lektionen nicht aufzusagen bereit ist, weil in Ungarn schon zu viel Politik die Donau herabgeflossen ist, weil Engagement verordnet und Schuld allzu gut verteilt war. Der Deutsche: ein Aufklärer, ein Optimist, ein mitreißender, wildlederner Kämpfer gegen Neoliberalismus und Lobbywirtschaft. Der Ungar: ein listiger Pessimist, ein abgründiger Ästhet, dessen größter Wunsch es ist, an einem sonnigen Budapester Sonntag mit der geliebten Frau in elegantem Schuhwerk und in klassischer Desinvolture im Café zu sitzen und in der Zeitung zu blättern.

Schon Georg Lukács hat darauf hingewiesen, dass die Tragödie der ungarischen Intelligenz recht eigentlich in "ihrem Ungarn-Sein" besteht, was vielleicht doch mehr ist als ein liebenswerter Gulaschpessimismus, ein verständlicher politischer Kater, wie er sich heute in ganz Osteuropa nach einer langen Zeit des Politikmissbrauchs breit macht.

Spricht man mit ungarischen Autoren wie Péter Nádas (von beeindruckender Blässe, weil kurz vor Vollendung eines zweitausendseitigen Romans), Péter Esterházy oder László Darvasi, entsteht gerade aus dem Sinnkollaps im Osten das im Westen so sehnlich erwartete und rar gewordene Neue. Das von jeder kulturtragenden Schicht befreite Niemandsland, in dem diese Autoren schreiben, schärft die ästhetischen Sinne. Die Bindungslosigkeit radikalisiert in jeder Hinsicht. Mit der galanten Tristesse der jüngsten deutschen Exportliteratur, die das Goethe-Institut fleißig zwischen Budapest und Damaskus hinter Wassergläsern postiert, ist das alles nicht zu verwechseln. Aus den Kinderschuhen sind die Ungarn heraus.