US-Präsident Jefferson schickte im Jahre 1804 eine sowohl fürs Überleben als auch für das Erforschen des Niegesehenen gut trainierte Truppe von ungefähr dreißig Männern auf einem kleinen Schiff und auf einigen Booten aus. Sie sollten den großen, wilden Missouri hinauf bis zu seinen unbekannten Quellen befahren, dann eine Passage durch die großen Felsengebirge finden, danach dem auf der anderen Seite schon vom Meer aus ein Stück befahrenen Columbia River von seinen Quellen aus folgen, an den Pazifik gelangen und schließlich zurückkehren. Die dreißig unter Führung der bald und bis heute legendären Männer Lewis und Clark taten wie befohlen, blieben aber so lange weg, dass man sie, als sie dann doch wiederkamen, im Grunde vergessen und längst abgeschrieben hatte; aber dann freute man sich natürlich riesig, feierte sie, schenkte ihnen Land, und die beiden Anführer machte man zu Gouverneuren.

Lewis und Clark selbstverständlich, aber auch viele der anderen mussten Tagebuch schreiben; Lewis und Clark waren außerordentlich schwach in Orthografie und Grammatik, hatten aber, bei allem pragmatischen Wesen, beeindruckbare Gemüter und scharfe, offene Augen – man muss die beiden nur einmal bezaubert (so sagen sie selbst) die unendlichen Büffelherden die Prärie abweiden sehen; bezaubert und, bei aller Kargheit ihres Ausdrucks, uns bezaubernd, denn das ist ja immer wieder der Unterschied: Wir wissen aus tausend Büchern von diesen Büffeln, aber es ist etwas ganz anderes, jemanden zu hören, der sie damals, als es sie noch gab, wirklich mit einem Mal sah.

Als erste Weiße kommen sie ins Land der Grizzlybären, Ungeheuer, auf die man schießen kann wie auf wiederauferstandene alte Mumien, und sie fallen nicht um. Und dann die Indianer, auf deren Hilfe und Freundlichkeit sie immer angewiesen sind: von Milliarden von Flöhen geplagte, grausam arme, von Krankheiten dezimierte und sich gegenseitig in sinnlosen Kriegen aufreibende Leute, auf geschundenen Pferden, historisch eine jetzt schon (1805), jedenfalls in diesen Regionen, gleichsam mottenzerfressene Völkergruppe – gut, der Blick der Expeditionsteilnehmer war nicht unser Blick, aber wir sind auch sehr, sehr weit weg, und den Forschungsreisenden war die Hautfarbe oder Rasse ziemlich egal.

Die Editionsgeschichte dieser Tagebücher ist abenteuerlich, erst seit kurzem liegen sie (samt den Tagebüchern der andern, soweit man sie wiedergefunden hat) korrekt vor. In bearbeiteten, fast verfälschten, aber offenbar doch kenntlichen Versionen kannten einige Leute sie, die daraus mächtig Kapital schlugen: der berühmte Cooper, der auch nicht alle Indianer, über die er schrieb, selbst kannte, dann Poe, der listig abschrieb, und schließlich, und das ist am Ende eine der Rechtfertigungen dieser Übersetzung hier, Arno Schmidt.

Schmidt war begeistert, er fand, Lewis und Clark seien beinahe wie Homer (eine schöne Gelegenheit, dessen Bücher zu lesen – und ich muss sagen: Schmidt hätte sie nutzen sollen), und vor allem fand er, sie seien wie Joyce und er selbst, denn er lebte damals gerade in seinem orthografischen Etym-Wahn und glaubte, den wie bei Joyce eben auch bei Lewis und Clark zu entdecken: Aber die, wie gesagt, waren bloß Legastheniker. Friedhelm Rathjen, dessen Nachwort außerordentlich lesenswert ist – er ist ein großer Schmidt-Kenner – berücksichtigt dessen Ideen sehr hübsch und übersetzt seine Auswahl aus den Tagebüchern von Lewis und Clark so, dass deren Blick und Intelligenz und Bezauberung und Überlebenskunst klar durch alles schreiberische Ungeschick durchscheinen, so klar, dass, ganz anders als beim besessenen Schmidt, das grammatikalische und rechtschreibliche Ungeschick durch seine Verlangsamung unseres Leseflusses erst richtig deutlich macht, was da, bei aller vermeintlichen Biederkeit, für großartige Typen in was für Zeiten auf Reisen geschickt worden waren.

Und nicht zu vergessen die Beigaben zum Tagebuchtext, nämlich erst Rathjens meisterlicher Essay, dann ein sehr schönes kleines Lexikon (ein ähnliches Lexikon hatte einmal eine große Ausgabe der amerikanischen Romane von Charles Sealsfield – wenn doch die mal jemand wieder ans Licht brächte!) und vor allem eine seinerzeitige Kopie jener Karte, die Clark damals hergestellt hatte, ein wunderschönes Blatt, das außerdem auf der Rückseite noch einmal die Reiseroute mit sehr ausführlichen Legenden hat: Man sieht immer, wo sie gerade sind.