Die Franzosen, behauptete Nietzsche, seien das christlichste Volk der Erde gewesen. Unter diesen Christen rage einer hervor: "Da steht Pascal, in der Vereinigung von Glut, Geist und Redlichkeit der erste aller Christen, – und man erwäge, was sich hier zu vereinigen hatte!" Nietzsche leicht überinterpretierend, könnte man sagen, Pascal setzt einen der Höhepunkte an Aufrichtigkeit, zu dem das Christentum imstande ist. Als ich Gedanken über die Religion und einige andere Themen von Blaise Pascal (1623 bis 1662) wieder las, fiel mir als Erstes auf, wie gegenwärtig diese Schrift ist. Aus einem Zufall las ich den alten Text wieder: Er ist bei Reclam neu aufgelegt worden, herausgegeben von Jean-Robert Armogathe und übersetzt von Ulrich Kunzmann. Nein, das Folgende ist nicht von Brecht, sondern wirklich von Pascal: "Bist du weniger ein Sklave, weil dein Herr dich liebt und dir schmeichelt? Da hast du ein rechtes Glück, Sklave, dein Herr schmeichelt dir. Bald wird er dich schlagen."

Wer einen Sinn für eine etwas gehobene Sprache hat, der hänge sich den Sinnspruch an die Bürowand: Als "Mitarbeiter", vielleicht sogar als "Mitarbeiter des Monats", sagen wir einer Bank, weiß man, wie schnell einem die Stunde schlägt. Ich habe eine Ahnung, dass das Christentum einen privilegierten Zugang zur Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft ermöglicht, in der eben nicht bloß die Unterwerfung eine Rolle spielt, sondern auch die Freiheit eines Christenmenschen. Würde man im Ernst an das Evangelium glauben, dann hätten wir viel aufständischen Widerspruch, wenn nicht überhaupt einen Aufstand. So aber ist die Religion zu keinem geringen Teil eine Formalität geworden, eine Konvention, durch die sie selber überlebt und durch die die religiösen Menschen auf Erden leichter überleben. Pascal, der die Formalitäten, die starr angenommenen Verhaltensweisen kritisiert ("Die Erfahrung lässt uns einen ungeheuren Unterschied zwischen Andachtsübungen und Güte erkennen"), ruft aber keinesfalls zum Eiferertum auf. Auch hier ist die Lösung nicht einfach gegeben: "Es ist abergläubisch, wenn man seine Hoffnungen auf Formalitäten setzt, doch es ist hochmütig, wenn man sich ihnen nicht unterwerfen will."

Es gibt kein Entkommen der billigen Art. Man kann in dieser Philosophie, die das Zuwiderlaufen der Gedanken exerziert, auch eine Art von Selbstquälerei erblicken. Pascal, sagte Nietzsche, "torturierte sich" – als wäre Nietzsches Werk ohne Qual in einem Aufatmen entstanden. Aber man kann schon an den wenigen Zitaten einen Charakterzug Pascals erkennen: Er hat einen Sinn, eine Art absolutes Gehör für das Verhältnismäßige, für die Maßverhältnisse, in denen die Tatsachen des Lebens, wenn überhaupt, bestimmbar sind. Ein Beispiel dafür ist seine Anerkennung und Relativierung menschlicher Größe: "Nein, nein, wenn sie größer als wir sind, so deshalb, weil ihr Haupt höher reicht, aber ihre Füße stehen ebenso niedrig wie die unseren."

Nietzsches Interesse für Pascal hat wohl auch einen handwerklichen Grund: Es ist dieses aphoristische Schreiben, dieses fragmentarisch Zersplitterte, das sich aber keineswegs verläuft. Die Gedanken bleiben zusammen, auch wenn sie sich nicht in systematischer Ordnung präsentieren. Ihr Zusammenhalt bleibt, weil dafür keine durchgedachten Prinzipien angegeben werden, ein Rätsel, das zusammen mit den grandiosen Formulierungen und der Genauigkeit im Detail eine ästhetische Wirkung ausübt. So steht Pascal einerseits an dieser heute etwas überlaufenen Kreuzung von Kunst und Philosophie, anderseits aber entspricht er einem Modernitätsgebot, das Richard Rorty mit seiner Unterscheidung von systematischen und bildenden Philosophien aufgestellt hat. Versimpelt gesagt, bilden Systematiker Lehren aus, einen institutionalisierten Sprachgebrauch, während die anderen, die für Rorty Zeitgemäßen, sich Gedanken bilden, die auf vielseitige Weise der Institutionalisierung entgehen.

In den Gedanken fällt der Satz: "Man soll allein Gott lieben und allein sich selbst hassen." Diese (heute wiederum moderne) Selbstverleugnung war es, die Nietzsche mit einer Tortur gleichsetzte. Plötzlich steht ein Totalitarismus da, der das bisher über Pascal Gesagte außer Kraft setzt: Das Einzelne müsse "bereitwillig" für das, "um dessentwillen alles ist", zugrunde gehen. Kommt so ein Gedanke von der Religion?