Es ist nicht leicht, die dicke Popay in die Waage zu zwängen, man muss vorne ziehen und hinten stoßen, aber endlich steht sie in dem metallenen Gestänge: "808 Kilogramm", vermeldet der Waagemeister. Tagesrekord. Mit Abstand die schwerste Kuh hier und heute. Stolz schaut Popays Besitzer in die Runde. Die umstehenden Bauern beginnen zu brummen. Wer soll dieses Vieh schon schlagen? Ein Helfer pinselt ihr mit weißer Farbe die Startnummer auf die Flanke: 49.

Einer aber lässt sich nicht beeindrucken. Im Gegenteil. "Dummköpfe", sagt er, "geben Geld aus für nichts. Füttern ihre Kuh kugelrund!" Der kleine Mann mit den hüpfenden Augen und dem schlohweißen Haarschopf heißt Urbain Kittel, ist 74 und glaubt fest daran, dass pure Masse nichts zu sagen hat. Vielleicht werden ja er, sein Sohn und natürlich ihre Kühe es allen anderen heute noch zeigen.

Kuhkampftag ist Festtag in Mission, einem kleinem Dorf im Val d’Anniviers im Schweizer Kanton Wallis. Das Tal ist noch braun und grau, der Schnee hat sich erst auf wenige hundert Meter oberhalb der Häuser zurückgezogen. Die Sonne kämpft noch schwer gegen den Nebel und die Kälte der vergangenen Nacht. Neun Uhr. In einer Stunde geht’s los.

Die Kühe und ihre Bauern, angereist aus dem Tal und der weiteren Umgebung, sprühen vor Nervosität und Vorfreude. In fünf Klassen treten sie an, die Jüngsten gegen die Jüngsten, die Schwersten gegen die Schwersten. Und der Fairness wegen gilt: Keine darf brünstig sein. Die über 200 nummerierten Tiere, an Föhren unweit der Arena angebunden, sind aufgeregt genug. Nadia gräbt mit den Hörnern tief im Dreck, Pamella stemmt die Stirn gegen die Borke eines wuchtigen Baums, Gitane zerrt wild an der Kette. Rambo – ja, auch sie eine Kuh – schnaubt und scharrt mit den Klauen wie ein spanischer Stier.

Seit 1922 lassen die Bewohner des Bergkantons Wallis ihre Milchkühe bei Wettkämpfen aufeinander los. Zwischen den hohen Bergen hat sich seit dem Mittelalter die zäheste Sorte der Boviden herausgebildet, stämmiges Getier mit niedrigen, bulligen Schultern: Die schwarzen Ehringer, freundlich dem Menschen gegenüber, pflegen jedoch unter ihresgleichen die Tugend, immer wissen zu wollen, wer die Stärkste ist. Der natürliche Gegner einer Ehringer Kuh ist eine andere Ehringer Kuh.

Die Arena hat 30 Meter Durchmesser und wird von einem dicken Tau begrenzt. Daneben hat die Natur am Berghang für eine steile Zuschauertribüne gesorgt. Auf einem Lastwagen sitzt die fünfköpfige Jury. Es ist nicht leicht, die Übersicht zu behalten, wenn pro Durchgang 15 bis 20 Tiere gleichzeitig ins Rund getrieben werden. Über Mikrofon bittet der Ansager die Ersten in den Ring.

Der alte Monsieur Kittel schaut hinab in den Kreis, wo sein 35-jähriger Sohn, Philippe, das Feld betritt. Am Halfter führt er Dai-dai, 600 Kilogramm, Brustumfang 200 Zentimeter, dreieinhalb Jahre alt, eine der Besten in Kittels Stall. Schon die Mutter, Duchesse, sagt Kittel, war eine große Kämpferin. Dann ziehen sich alle Besitzer hinter das Tau zurück. Der Ring ist frei. Und die 18 Wettkämpferinnen dieses Durchgangs verlieren keine Zeit. Sofort stemmen die Ersten Stirn gegen Stirn. Kampfrichter stellen sich mit dünnen Stecken dritten Tieren in den Weg, die ein Duell stören wollen. Pirouette (Startnummer 178) geht auf Printemps (137) los, schiebt die Kontrahentin durch die halbe Arena. Printemps dreht ab, gibt auf. Umgehend sucht sich Pirouette im Feld die Nächste aus. Auch Kittels Dai-dai hat schon zwei verscheucht.

Mit ihrem ganzen Gewicht stoßen die Kühe aneinander, manchmal so heftig, dass es kracht. So wird auch am Berg die Hierarchie gepflegt, entscheidet sich, welche hoch über der Waldgrenze auf den saftigsten Flecken grasen darf. Oder welche als Erste, als Königin, die Schnauze in den Trog tunken und 20 Liter Nass herauspumpen darf.