Er war einer der großen Schauspieler im Berlin der zwanziger Jahre – und ist vergessen. Er ist mit seinem Autobiographischen Roman einer der großen Erzähler Deutschlands aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und immer noch zu entdecken. Erst jetzt, ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des von den Nazis in die Emigration gezwungenen Schauspielers – und großartig heiter melancholischen Fabulierers – erscheint bei uns zum ersten Mal eine "ungekürzte, vollständig überarbeitete Neuausgabe", nein: nicht der Lebensgeschichte, sondern, wie er zu Recht schreibt, seines Lebensromans Da geht ein Mensch.

Wie heißt der Mensch? Jessaja Szaijko Gronich. Wie er, beim ersten Auftritt in einer Inszenierung von Max Reinhardt in Berlin, überredet wird, diesen "fremden" Namen in den leichter zu sprechenden "Alexander Granach" zu ändern, unter dem er Weltruhm erlangt, etwa mit Greta Garbo in Ninotschka, ist eine der traurig ironischen Meisterstücke des Erzählers.

Wo geboren? In Wierzbowce oder Werbowitz oder Werbiwizi

Geboren ist der Romancier-Biograf am 18. April 1890 in – jetzt wird es schwierig, und wir übergeben dem Erzähler lieber selbst das Wort: "Mein Heimatdorf heißt Wierzbowce auf polnisch, Werbowitz auf jiddisch und Werbiwizi auf ukrainisch." Wir sind im ostgalizischen Winkel des k.u.k. Reiches. Drei, vier Völker und Nationalitäten und Religionsgemeinschaften leben da mehr oder weniger friedlich miteinander. Wie Scholem Alejchem oder Mendele Mojcher Sfurim erweckt Granach die versunkene Welt der Schtetl.

In welcher Armut wachsen die Kinder – fröhlich – heran. Granach ist das achte, es folgen noch mehr, und für die Kleinen, alle schon Aufpasser, ja Erzieher für die noch Kleineren, gibt es ein Paar Stiefel. Die "kleine Mama", die jedes Jahr ein Kind gebären muss, versteckt vor ihrer Brut sogar Zwiebeln und Knoblauch, sonst würde noch mehr Brot "verschlungen". Die erschöpfte Frau, "Weib und Geliebte" ihres Mannes, kann nur noch mit Schimpfen und Ohrfeigen die Kinderschar zusammenhalten. Dagegen der – belesene – Vater, der seine Frau innig liebt, alle Kinder am Sabbatmorgen in sein Bett lässt, wo sie ihm den Bart zupfen dürfen und er ihnen die alt-uralten Geschichten und Legenden seines Volks erzählt. Wunderbar das kleine Kapitel, wenn die kaum noch lebensfähige, wieder schwangere "kleine Mama" sich scheiden lassen will. Auf Heu als Polster fährt man ins nächste Dorf. Ein alter weiser Mann sitzt mit auf dem Wagen. Er raunt etwas von unglücklichen Scheidungsaffären, von finanziellem Elend und Kinder-Unglück. Den immer noch verliebten Eheleuten kommen auf der Fahrt zum Advokaten die Tränen – dem Leser auch: Auf halbem Weg wird gewendet, das elend-glückliche Leben geht weiter.

Es sind solche Erzähl-Miniaturen, die dieses Buch in einen Rang erheben und es gleichberechtigt neben manche Autobiografie der zwanziger, dreißiger Jahre stellen.

Schon als Kind arbeitet der kleine Granach in einer Bäckerei, geht mit zwölf Jahren auf Wanderschaft, entdeckt das Theater, flieht nach Berlin, reist durch Deutschland, mittellos, lässt sich im Hessischen, um übernachten zu können, von einem freundlichen Gendarmen überreden, ihn zu beleidigen, damit dieser ihn "verhaften" und ins warme Kittchen stecken kann, arbeitet als Bäcker, als Sargtischler – und findet zum Theater. Lernt jahrelang Deutsch, bis er es akzentfrei sprechen kann und zu einem der besten Schauspieler unsereres Landes wird. Für seine Laufbahn lässt er sich sogar beide (durch das Stehen am Backtrog) krummen Beine brechen. Voll melancholischer Anmut: ein ganz unheroisch erzähltes Heldenleben.

Als dieser große Künstler deutscher Schauspielkunst 1933 im Hitler-Reich des Rassewahns nicht mehr arbeiten darf, übernimmt Herr Gustaf Gründgens gern die Rolle des Mephisto von Granach. Deutsches Elend. Nicht ohne Bitterkeit schreibt Granach im kalifornischen Exil, wo er beim Film erfolgreich arbeitet, an Thomas Mann, seine Schauspiel-Kollegen "Werner Krauss und Heinrich George sind zu den Mördern übergegangen".